Idealismus über Grenzen hinaus: Reflexionen über einen türkischen und einen amerikanischen Filmfigur und meine persönliche Erfahrung

Als jemand, der seit drei Jahren ausserhalb seines Landes lebt und gezwungen wurde, hier zu leben, fallen mir sofort zwei Filmfiguren ein, wenn ich tiefe Einsamkeit empfinde. Und ich frage mich: musste ich in diesem Land, in dem ich weder die Sprache noch die Kultur noch die Menschen kannte, diese Einsamkeit so tief empfinden? Wenn ich an diesen beiden Filmen denke…

Film 1: Detachment

Henry Barthes ist Aushilfslehrer an einer amerikanischen Slumschule. Es ist eine schwierige Schule, in der sich problematische Schüler versammeln.

Im Schatten seiner eigenen Traumata versucht Herr Barthes, seinen Schüler*innen die Idee zu vermitteln, wie man ein guter Mensch sein kann, und erklärt ihnen im Unterricht, was Doppeldenken ist:

„Oh, ich muss hübsch sein, um glücklich zu sein. Ich brauche eine Operation, um schön zu sein. Ich muss dünn, berühmt, modisch sein. Beispiele dafür im Alltag: Unseren jungen Männern wird heute gesagt, dass Frauen Huren sind, Schlampen, Dinge, die gevögelt, geschlagen, beschissen und beschämt werden müssen. Dies ist ein Marketing-Holocaust. Vierundzwanzig Stunden am Tag, für den Rest unseres Lebens, arbeiten die Machthaber hart daran, uns zu verdummen. Um uns zu wehren und dagegen anzukämpfen, dass wir diese Verdummung in unsere Denkprozesse aufnehmen, müssen wir lesen lernen. Um unsere eigene Vorstellungskraft anzuregen, um unser eigenes Bewusstsein zu kultivieren, unsere eigenen Glaubenssysteme. Wir alle brauchen Fähigkeiten, um uns zu verteidigen, um unseren eigenen Verstand zu bewahren.»

Film 2: Herbst

Der zweite Film stammt aus der Türkei. Yusuf ist die Hauptfigur, der während eines der Proteste, an denen er als Student teilnahm, festgenommen und ins Gefängnis gesteckt wurde. Nach zehn Jahren erkrankt Yusuf aufgrund der harten Haftbedingungen an Lungenkrebs, und wird gemäß einem Sondergesetz aus dem Gefängnis entlassen. Im Laufe des Films werden wir Zeuge der Erlebnisse von Yusuf, der die restlichen Tage seines Lebens in seinem Dorf mit seiner Mutter verbringt.

Yusuf erzählt seiner Freundin Eka:

„Auch wenn es schmerzhaft ist, auch wenn es Leiden gibt, wird man leben; auch wenn es lange Tage und schwüle Abende gibt, wird man arbeiten; man wird für die Menschen arbeiten und dem Tod gelassen entgegensehen.“

Warum finde ich Henry und Yusuf nahe beieinander?

Obwohl Henry Barthes und Yusuf wie zwei unterschiedliche Charaktere wirken, sind sie tatsächlich sehr ähnlich. Ich weiß nicht, ob es ihre Gedanken über das Leben sind, aber ich finde, dass sie mir sehr nah stehen. Wie ich, sind Henry und Yusuf immer im Hinterkopf. So wie Menschen mit multipler Persönlichkeitsstörung haben sie mehr als einen Charakter in einem Körper.

Denken Sie an Henrys Rat an seine Schüler: „Wir müssen uns, unsere Vorstellungskraft, unser Gewissen und unser Glaubenssystem gegen diejenigen stärken, die uns dumm machen wollen.“ Yusuf könnte während seines Studiums nur an seine eigenen Interessen denken. Aber als ob er auf Henrys Rat gehört hätte, wurde ihm das Böse draussen bewusst, und so zahlte er den Preis, indem er ins Gefängnis ging. Yusuf, der sein Gewissen und sein Glaubenssystem entwickelt hat, ist auch dem Druck der Machthaber ausgesetzt, weil er seine Stimme gegen das Unrecht in der Gesellschaft, in der er lebt, erhebt und dieses Unrecht nicht akzeptiert.

Daraus ziehe ich folgende Schlussfolgerung: Es ist unvermeidlich, dass diejenigen, die gute und nützliche Gedanken für die Menschen und die Gesellschaft im Allgemeinen haben, diejenigen, die von einer Utopie für ihr Land träumen und diejenigen, die konkrete Schritte in Richtung dieses Traums unternehmen, unterdrückt und verfolgt werden. Denn diejenigen, die die Macht innehaben und durch Diebstahl und Korruption Tag für Tag reicher werden, werden nicht wollen, dass diese von ihnen errichtete Ordnung zerstört wird.

Um zu der Frage zu kommen, die ich am Anfang des Artikels gestellt habe: Musste ich die Einsamkeit so tief erleben? Obwohl ich versuchte, im Rahmen meiner Möglichkeiten mein Bestes zu geben, zwängten Gründe ausserhalb von mir zu dieser Einsamkeit. Wir halten unsere Haltung und Glaubenssystem mit unseren Entscheidungen im Laufe der Zeit in der Geschichte fest. Dafür müssen wir an uns wichtige und geliebte Dinge verzichten. Weil ich diese als Preis für den Glauben an ein Ideal erlebe, verspüre ich eine tiefe Liebe zu meiner Einsamkeit – auch wenn ich sie nicht zeige. Und mir ist klar, dass ich aufgrund der aktuellen Schwierigkeiten in dieser Gesellschaft mein Gewissens- und Glaubenssystem nicht aufgeben soll, sondern weiterentwickeln muss.

Gewidmet an diejenigen, die Henry und Yusuf in ihren Seelen tragen …

Über Salim

Ein Jurastudent der Türkei aus politischen Gründen nicht seinen Beruf übern dürfte. Er möchte mehr über die Menschenrechte sich einsetzen. Durch Journalismus findet er den richtigen Mittel um den Recht, Politik und Kultur Themen in der Öffnetlichkeit sich einzusetzen.

Zeige alle Beiträge von Salim →

Schreibe einen Kommentar