Ein Gespräch mit der Schauspielerin und Autorin Lubna Abou Kheir, die am 3. Juni im Kulturmarkt Zürich an einem deutsch-arabischen Abend drei Stücke als szenische Lesung vorlesen wird. Lubna Abou Kheir wurde in Damaskus geboren und lebt seit 2016 in der Schweiz, wo sie Bühnenstücke auf Arabisch und Deutsch schreibt.
Zwischen den Sprachen
Schnell kommt Lubna Abou Kheir zum Kern. Auf ihre deutschsprachigen Theaterstücke angesprochen, erzählt sie eine Anekdote, die für ihre Mehrsprachigkeit bezeichnend ist: «Ich war gerade dabei, einen arabischen Text zu verfassen. Und nach diesen neun Jahren hier in der Schweiz merke ich, dass ich auf Arabisch wie mit einem deutschen Konzept schreibe. Also es liest sich auch schön, aber das Arabische, die Wörter sind natürlich weiterhin Arabisch, aber die Logik der arabischen Sprache, ist nicht mehr da. Ich bin irgendwo dazwischen.»
Dies habe zu einem Streit mit einem befreundeten syrischen Schriftsteller geführt, der ihr nahegelegt habe, an ihrem arabischen Ausdruck zu arbeiten.
«Mir war das unangenehm. Ich will auch zeigen, was mir die deutsche Sprache bedeutet, was Deutsch in meinem Kopf bewirkt hat, wie die deutsche Sprache mich beeinflusst.»
Sie seien im Gespräch dann zum Schluss gekommen, dass die Logik der arabischen Sprache eine andere sei als sie die der deutschen. Arabisch sei präskriptiver, es sage den Menschen und unterrichte sie darin, wie sie sein sollen. «Du musst respektabel sein, grossartig, eine höhere Würde haben als andere Menschen, die kein Arabisch sprechen.» Deutsch, lateinische oder westliche Sprachen seien hingegen deskriptiver, «sie beschreiben die Menschen, reden über Menschen.»
«Arabisch ist so eine grossartige Sprache, ich denke, für mich ist es die poetischste Sprache der Welt, es fasziniert mich, ich liebe es. Ich denke in keiner anderen Sprache kann man so schöne Gedichte schreiben, wie auf Arabisch. Manchmal beeinflusst es mich auch auf eine aggressive Art. Deutsch hat eine andere Art von Aggression, ‘Krankenwagen’, ‘Chuchichästli’, aber es gibt auch mehr Raum und Freiheit im Denken. Ich darf mehr Fehler machen. Aber auch nicht immer. Als Fremde muss ich Dinge richtig aussprechen, schreiben und immer beweisen, dass ich gut und intelligent genug bin.»
Mehrsprachigkeit und Zwischensprachen seien aber eigentlich kein Problem, sondern historisch gesehen der Normalfall für die Menschheit. Dass Personen nur eine Sprache gut sprechen und ihre Sprache von äusseren Einflüssen abgeschottet bleibt, komme selten vor und funktioniere oft nicht. Als sie in Bern angekommen sei, hätten die Arabischstämmigen und Schweizer Kinder ganz natürlich eine eigene Sprache entwickelt. «So funktioniert the human being. Das ist normal.» sagt Abou Kheir.
Drei neue Stücke
Abou Kheir hat drei neue Stücke verfasst, die sie im Juni als szenische Lesung vorträgt, das heisst, sie wird alle ihre Figuren selbst sprechen. Sie ist auch Schauspielerin, dennoch sei es eine Herausforderung, die drei neuen Stücke vorzutragen.
«Ich habe gestern zu Hause angefangen zu üben und bemerkt, dass es sehr viel Kraft braucht, um es auf die Bühne zu bringen. Beim Spielen sehe ich nicht getrennte Wörter und Sätze. Vielmehr ist es wie bei einem Kreis, ich muss von Anfang an wissen, in welcher Art ich etwas vorlese und bis zum Ende beibehalten.»
Eines der Stücke handelt von einer Frau, die durch eine Stadt läuft und eine wundersame Entdeckung macht. Während die Entdeckung für andere vielleicht auf den ersten Blick gewöhnlich erscheint, ist sie für die Protagonistin ein magisches Erlebnis, welches sie mit anderen teilen möchte. Sie vergleicht die Protagonistin mit «Amélie» der Protagonistin aus dem gleichnamigen Film. Auch die weiteren Texte «Die Grube» und «Guck in die Kamera» sind als Szenen konzipiert.
Parallelwelten
Abou Kheir schreibt auch Prosatexte. In «Die Blondine darf nicht weinen» thematisiert sie die unterschiedlichen Perspektiven auf den Krieg, die Schweizerinnen und Syrerinnen haben. Die Situation in der Schweiz und in Syrien liessen sich überhaupt nicht vergleichen. «Mich stören Vergleiche zwischen Syrien und der Schweiz. Hier gibt es keine islamistischen Machthaber, dort schon.» Auch hier in der Schweiz gebe es rechte Extremisten, höre sie manchmal von Schweizer*innen.
Die Situation in Syrien sei jedoch ein komplett andere. Islamisten würden es mögen, Menschen zu töten oder im Namen einer religiösen Ideologie zu herrschen, betont sie. Es sei eine der schlimmsten Ideologien der Welt. Hier in der Schweiz gebe es ein demokratisches System, in dem Linke und Rechte im Parlament debattieren können. In Syrien hingegen würden Islamisten alle Menschen töten wollen, die nicht zu ihrer religiösen Ideologie passten.
Das Problem sei, dass die Menschen in der Schweiz die Situation in Syrien gemäss dem beurteilen, was sie hier erleben und kennen. Die Situationen sind jedoch qualitativ zu unterschiedlich und inkommensurable. Man müsse bei null beginnen und die Situation von Grund auf neu beschreiben. Unsere hiesigen Kategorien seien nicht geeignet, um die dortige Lage zu beschreiben.
«Es ist eine total andere Welt. Eine Parallelwelt, als redete man von Aliens. Und dort blicken sie auf die Menschen hier als wären sie Aliens.»
Interesse und Mitgefühl seien nicht schlecht, in ihrem Fall sei es aber nicht blosses Mitgefühl, sondern ihr Leben. «Ich bin hier und dort. Das ist mein Leben. Aber um anderen Leuten zu beschreiben und auszurichten, was dort passiert, muss man keine vergleichende Perspektive einnehmen, sondern beschreiben, was die Leute wirklich erleben, nach welcher Ideologie sie leben und in welcher Situation sie sind, ohne es mit der Situation hier zu vergleichen».
Ob sie denn zwischen den Welten vermitteln könne. «Ja, aber in meinem Kopf ist es, als ob ich Schizophrenie hätte. Ich habe zwei Charaktere. Gibt es Vermittlung zwischen ihnen? Es gibt auf jeden Fall Dinge, die man nicht vergleichen kann.»
Dieses Leben in zwei Welten, sei auch ein wesentlicher Teil ihres Schreibens, in dem die beiden Sprachen aufeinandertreffen. «Ich schreibe, weil ich Lubna bin, und sie hat diese Schizophrenie in Bezug auf die Sprache und die zwei Welten. Und ich weiss nicht, was rauskommt.» Ursache und Wirkung stünden nicht im Vordergrund ihres Schreibens: «Ich schreibe, weil ich schreibe.»
Am 3. Juni können Sie die Performance von Lubna Abou Kheir im Kulturmarkt erleben.

