Ich lernte Zoe zum ersten Mal über einen gemeinsamen Freund kennen, der kostenloses Boxtraining für Geflüchtete und Migranten im „Box Club Aare“ organisierte. Mir schien, als sei sie die einzige Frau in dieser Sportgruppe, aber später stellte sich heraus, dass es noch mehr Frauen gab. Aus einem Gespräch darüber, wie eine junge Vietnamesin, die Medizin studiert, sich dazu entschlossen hatte, der ukrainischen Profiboxgruppe in der Schweiz beizutreten, entwickelte sich eine sehr interessante Reflexion über Diskriminierung und Stereotypen, Identität, Sport und Integration.
Zoe: Ich bin hier in der Schweiz in ziemlich jungem Alter angekommen. Man sagt oft, dass neun Jahre ein Alter sind, in dem man noch nicht sehr jung, aber auch nicht zu alt ist, um sich gut integrieren zu können, und das traf bei mir zu. Einerseits liegt das an meiner starken Persönlichkeit, andererseits hatte ich auch die Chance, viele gute Leute kennenzulernen. Bereits nach einem Jahr sprach ich Französisch fast wie die anderen Kinder. Ich bin zuerst in La Chaux-de-Fonds angekommen.
A.: Hast du als Kind hier in der Schweiz Mobbing oder Diskriminierung erlebt?
Zoe: Natürlich habe ich auch Mobbing erlebt. Kinder lachten über mein Aussehen oder meine Herkunft und sagten ständig, dass ich Chinesin sei. Sie machten auch wirklich gemeine Witze über meinen vietnamesischen Namen. Eigentlich ist Zoe nicht mein echter Name. Ich habe mich einfach so genannt. Aber auf meinen offiziellen Papieren steht mein vietnamesischer Name.
A.: Musstest du unbedingt einen europäisch klingenden Namen wählen?
Zoe: Ja, das habe ich ganz bewusst gemacht, schon am ersten Tag, als ich in die Klasse kam, damit mich die Leute weniger auslachen. Ich wusste schon damals, dass ich aus vielen Gründen ausgelacht werden würde. Ich wollte wenigstens einen Grund weniger haben, wegen dem man mich auslachen konnte. Und Zoe ist perfekt, weil es auf Englisch, Deutsch und Französisch gleich ausgesprochen wird. Das klingt sehr international.
A.: Hatte der neue Name Einfluss auf deine Identität?
Zoe: Die Leute haben mich immer gefragt, zu wie viel Prozent ich mich vietnamesisch fühle. Es ist schwierig zu sagen. Ich fühle mich vietnamesisch, aber meine Denkweise ist in vielen Bereichen europäisch. Ich bin in meiner Art zu denken wirklich gemischt. Und Zoe, das war immer ich. Für mich war das nie eine Verwandlung, sondern eine natürliche Entwicklung, die ich integriert habe. Meinen vietnamesischen Namen mochte ich als Kind nie. Er bedeutet eigentlich „sanfte Perle“. Ich wollte aber stark sein und nicht eine „sanfte Perle“. Als ich den Namen „Zoe“ auswählte, konnte ich meine Identität selbst aufbauen und entwickeln. Aber in den letzten Jahren habe ich gelernt, meinen echten Namen ebenfalls zu mögen und zu akzeptieren. Jetzt bin ich stolz auf meinen Namen.
A.: Wie kam es zu deiner Entscheidung, Boxen zu machen?
Zoe: Ich mag Kampfsportarten schon seit langem. Als ich in Vietnam war, habe ich mich zum Spass immer mit den Jungs gekämpft. Als ich in die Schweiz kam, meldete mich meine Mutter für viele Aktivitäten an. Ich besuchte Gesangs- und Klavierunterricht. Ausserdem machte ich Badminton und Gymnastik. So konnte man sich integrieren. Aber Boxen gehört wirklich zu meiner Persönlichkeit. Ich kämpfe gern. Nicht nur Boxen, sondern auch Grappling. Das ist eine Kampfsportart ähnlich wie Schwingen. Ich habe das Bedürfnis, mich verteidigen zu können.
A.: Ist es in Vietnam kulturell akzeptiert, wenn eine Frau boxt?
Zoe: Ja, heute schon. Es hängt davon ab, ob du über Vietnam vor 20 Jahren oder über das moderne Vietnam sprichst. Heute wird das absolut akzeptiert. Frauen boxen. Ehrlich gesagt sind es nicht viele, aber diejenigen, die boxen, schämen sich nicht dafür.
A.: Es gibt leider immer wieder Stereotype über Frauen im Kampfsport. Was denkst du darüber?
Zoe: Ich persönlich habe keine negativen Kommentare bekommen, weil ich einerseits von sehr reflektierten Menschen umgeben bin und andererseits mit schlechten Leuten einfach nicht rede. Ausserdem habe ich eine starke Persönlichkeit. Für meine Freunde ergibt es Sinn, dass ich boxe. Das gehört einfach zu mir. Die Vorstellung, dass Frauen nur sanfte Dinge machen oder zum Beispiel zeichnen sollten, passt nicht in die moderne Gesellschaft und entspricht hoffentlich auch nicht der Denkweise der jungen Generation. Alle meine Freunde kennen und akzeptieren mich als junge Frau, die boxt, und das genügt mir.
A.: Hast du eine Botschaft für Migrantinnen in der Schweiz, die wahrscheinlich einen ähnlichen Integrationsweg wie du durchlaufen?
Zoe: Ich möchte anderen Frauen sagen: Schaut nicht auf andere, sondern seid ihr selbst, seid stark und tut das, was ihr liebt. Dann erfolgt die Integration ganz natürlich, und eines Tages entdeckt ihr, dass echte Freunde euch umgeben und euch so akzeptieren, wie ihr seid.


