Das Berner Projekt Tür an Tür definiert die Rolle der Gesellschaft in der Prävention von häuslicher Gewalt neu. Die Redakteurin Zahor Alassadi hat mit der Projektleiterin Adina Merlin und dem Künstler Ahmed Magdy darüber gesprochen.
In der Stadt Bern verfolgt die Initiative «Tür an Tür» seit 2022 einen innovativen Ansatz im Umgang mit häuslicher Gewalt. Im Zentrum steht dabei nicht nur die Arbeit mit Betroffenen, sondern vor allem die Einbindung des lokalen Umfelds und der Nachbarschaften, um Gewalt frühzeitig zu erkennen und gemeinsam zu handeln.
Die Grundidee: Prävention beginnt nicht erst bei Behörden oder Fachstellen, sondern im Alltag der Menschen – in den Quartieren, bei Nachbarinnen und Nachbarn sowie an den Orten, an denen sich das tägliche Leben abspielt.

Das Quartier als Raum für Prävention und Veränderung
Adina Merlin, die für das Projekt verantwortlich ist, erklärt:
„Wir betrachten das Quartier ganz genau: Wer lebt hier? Wer arbeitet hier? Welche Orte sind wichtig? Friseursalons, Fitnessstudios, Nachbarschaften oder religiöse Institutionen – all diese Orte können Teil der Prävention werden.“
Ziel sei es, ein Bewusstsein für häusliche Gewalt zu schaffen und Menschen zu befähigen, Warnsignale zu erkennen und im Bedarfsfall richtig zu reagieren – ohne selbst Fachpersonen sein zu müssen.
Herausforderungen: Vorurteile und Schweigen
Eine der grössten Herausforderungen sei der Umgang mit gesellschaftlichen Vorurteilen. Merlin erklärt:
„Viele glauben, häusliche Gewalt komme nur in bestimmten sozialen Gruppen oder in Familien mit Migrationshintergrund vor. Das stimmt nicht.“
Ebenso schwierig sei das Schweigen in der Gesellschaft:
„Wenn Menschen sagen: ‚Das geht mich nichts an‘, wird es schwierig, das Thema sichtbar zu machen. Schweigen schafft Raum, in dem Gewalt bestehen bleiben kann.“
Die Rolle der Nachbarschaft: Erste Anlaufstelle im Alltag
Die Initiative betont die zentrale Rolle des sozialen Umfelds:
„Häusliche Gewalt kann stark isolierend wirken. Ein sensibles Umfeld kann daher der entscheidende Schlüssel zur Hilfe sein.“
Nachbarinnen und Nachbarn, aber auch alltägliche Begegnungsorte, können zu wichtigen „Türöffnern“ werden, die Betroffene mit Unterstützung verbinden.


Kunst als Brücke: Die Erfahrung von Ahmed Magdy
Im Rahmen des Projekts engagierte sich der Künstler und Freiwillige Ahmed Magdy in gemeinschaftlichen Kunstaktionen, insbesondere in der Gestaltung von Mosaiken im öffentlichen Raum.
Er beschreibt seine Motivation so:
„Ich bin Künstler und habe an der Fakultät der Schönen Künste in Alexandria studiert. Durch das Projekt Tür an Tür habe ich an der Gestaltung von Gemeinschaftsmosaiken mitgewirkt, die Menschen zusammenbringen und ein Zeichen gegen Gewalt setzen sollen.“
Besonders wichtig sei für ihn die Idee gewesen, Kunst als Mittel der Begegnung zu nutzen:
„Wir wollten gemeinsam mit den Bewohnerinnen und Bewohnern nachhaltige Werke schaffen, die im Alltag sichtbar bleiben – etwa Mosaikbänke mit einer klaren Botschaft gegen Gewalt.“
Magdy beschreibt die Erfahrung als besonders verbindend:
„Am schönsten war es zu sehen, wie Menschen unterschiedlichen Alters zusammenarbeiten. Besonders Familien und Kinder waren sehr aktiv. Der Stolz über das gemeinsam Geschaffene war überall spürbar.“
Für ihn zeige sich hier deutlich: „Kunst kann Brücken bauen und Zugehörigkeit schaffen.“

Häusliche Gewalt als gesellschaftliche Verantwortung
Die Initiative macht deutlich, dass häusliche Gewalt keine Privatsache ist. Sie ist eine Menschenrechtsverletzung – und Menschenrechte enden nicht an der Haustür.
Es sei entscheidend, frühzeitig über gesunde Beziehungen, Grenzen und Rechte zu sprechen, bevor Gewalt eskaliert. Was können Einzelpersonen tun?
Die Initiative empfiehlt:
- Betroffene in einem geschützten Rahmen ansprechen
- Nicht wertend kommunizieren („Ich mache mir Sorgen um dich“)
- Hilfeangebote und Telefonnummern weitergeben
- Unterstützung im Nachbarschaftsnetz organisieren
- Fachstellen kontaktieren
- In akuten Gefahrensituationen solle immer die Polizei alarmiert werden.
Ein Projekt, das von Menschen lebt
Die Initiative betont, dass ihr Erfolg vor allem auf Engagement basiert. Laut Merlin: „Wir brauchen Menschen, die sich engagieren – sei es durch Gespräche, kleine Aktionen oder das Weitergeben von Informationen.“
Die zentrale Botschaft lautet:
„Kein Platz für häusliche Gewalt – und eine Gesellschaft, die hinschaut statt schweigen.“

