Unsichtbare Barriere zur Partizipation in der Freizeit

Ein Reportage von Anna Butan, Erika Bartolano, Perla Ciommi und Zahraa Alassadi – Text Anna Butan, Video Perla Ciommi.

Zur 16. Aktionswoche der Stadt Bern gegen Rassismus haben wir eine Reihe von Videointerviews durchgeführt, geleitet von den Fragen: Findet Integration in der Freizeit statt? Gibt es unsichtbare Barrieren zur Partizipation in der Freizeit?

Unsere Interviewpartner*innen hatten unterschiedliche Herkunft, unterschiedliches Alter und Geschlecht sowie unterschiedliche Kenntnisse der lokalen Sprache. Einige sind Teilnehmende von Freizeitangeboten, andere sind selbst Gründer*innen von Vereinen oder leiten ein Angebot – sowohl in Vereinen als auch in Institutionen.

Es wurde allgemein festgestellt, dass Freizeitaktivitäten für die Integration wichtig sind. Sie sind mehr als nur eine angenehme Zeitgestaltung, da sie helfen, soziale Isolation und Einsamkeit zu vermeiden, und es ermöglichen, die Schweizer Gesellschaft auf tiefgehende Weise kennenzulernen.

Das ideale Freizeitangebot sollte für alle offen sein und Teilnehmende zusammenbringen, die schon lange hier leben, und solche, die erst seit Kurzem hier sind.

Sowohl Personen, die schon lange in der Schweiz leben (mehr als 20 Jahre), als auch neu angekommene Geflüchtete betonen die Bedeutung von Offenheit und der Bereitschaft, auf beiden Seiten – sowohl bei Einheimischen als auch bei Migrantinnen und Migranten – echte und tiefgehende Kontakte aufzubauen.

Obwohl Sprachkenntnisse eine ernsthafte Barriere darstellen können, kann man dennoch Sympathie entwickeln und versuchen, auf andere zuzugehen. Alter, Geschlecht und Behinderung wurden ebenfalls als wichtige Hindernisse für die Teilnahme genannt.

Darüber hinaus bestehen tiefere strukturelle und existenzielle Probleme: Zukunftsängste unter Migrantinnen und Migranten, Unsicherheiten und verschiedene Belastungen, die ihre Teilnahme an Freizeitaktivitäten einschränken. Andererseits kann auch die lokale Mentalität ein Hindernis sein, wenn die Bereitschaft fehlt, über oberflächliche Höflichkeit hinauszugehen und tiefere Beziehungen einzugehen. Fragen der Denkweise und gesellschaftlichen Strukturen spielen in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle.

In den Interviews wurden unterschiedliche Erwartungen formuliert: Einerseits wurde der Wunsch nach mehr Geduld und Offenheit seitens der Schweizer Bevölkerung geäussert, andererseits die Notwendigkeit einer aktiven Integrationsbereitschaft der Migrant*innen selbst betont. Es war bemerkenswert festzustellen, dass viele Migrantinnen und Migranten nicht nur Konsumenten von Freizeitangeboten sein wollen, sondern diese aktiv mitgestalten möchten. Sie schätzen Angebote, bei denen Menschen unabhängig von Alter, Herkunft, Behinderung oder Sprachunterschieden zusammen arbeitet.


Marta Pace (Italienerin, Präsidentin des Vereins Familia Abruzzese):

Marta nimmt aktiv an verschiedenen Freizeitaktivitäten teil. Eine der grössten Barrieren, die sie erlebt hat, war eine Form von sprachlicher Ausgrenzung. Sie erinnert sich, dass bei einer Urban-Fitness-Aktivität im Wald die Schweizer Teilnehmerinnen die ganze Zeit im Dialekt sprachen, um sie auszuschliessen. Dadurch bekam sie ein Gefühl des Unwillkommenseins.

Als Italienerin aus den Abruzzen legt Marta grossen Wert darauf, ihre Muttersprache und ihre Wurzeln nicht zu verlieren. Gleichzeitig möchte sie Deutsch lernen, aber mit der nötigen Zeit, da sie in ihrem Arbeitsalltag vor allem Englisch braucht.

Die zweite Generation italienischer Migrantinnen und Migranten aus den Abruzzen ist im Verein kaum vertreten. Marta sieht darin eine Herausforderung, weil ihr der Bezug zu den eigenen Wurzeln und zur Herkunftskultur wichtig ist.

Zudem wünscht sich Marta, dass nicht nur die zweite Generation, sondern auch Schweizerinnen und Schweizer dem Verein beitreten, damit ein kultureller Austausch stattfindet.


Elena Boos (Mexikanerin, Leiterin des Familientreffs Liebefeld und eines Quartierzentrums):

Elena lebt seit 25 Jahren in der Schweiz und ist Koordinatorin des Familientreffs Liebefeld. Der Vorstand des Trägervereins ist gemischt – bestehend aus Schweizerinnen sowie Migrantinnen. Schweizer Familien kommen meist, um Räume zu mieten, mischen sich jedoch wenig mit Migrantinnen und Migranten.

Schweizer Familien kommen meist, um Räume zu mieten, während Migrant*innen an Angeboten wie Spielgruppen, Zumba oder Quartierfesten teilnehmen. Die beiden Gruppen mischen sich jedoch wenig, obwohl der Austausch zwischen Familien mit Kindern eigentlich leichter sein könnte, da sie gemeinsame Interessen haben.

Eine mögliche Lösung wäre, mehr Wert auf tiefere Kontakte statt oberflächlicher Begegnungen zu legen.

Selbst für sie ist es oft schwierig, auf Schweizerinnen und Schweizer zuzugehen und echte Freundschaften aufzubauen, doch sie ist überzeugt, dass sich beide Gruppen besser verstehen könnten, wenn sie sich im Quartiertreff begegnen. Darum engagiert sie sich stark in ihrer Arbeit.


Marat Gubanov (Ukrainer, Präsident des Vereins Swiss Assistent für Menschen mit Behinderung):

In Marats Verein gibt es keine Schweizer Mitglieder, hauptsächlich aufgrund sprachlicher und kultureller Unterschiede. Dennoch unterstützen Schweizer Institutionen ihn organisatorisch und finanziell.

Er wünscht sich jedoch einen intensiveren Austausch mit Einheimischen. Deshalb möchte er eine Brücke über gemeinsame Interessen aufbauen.

Marat bemüht sich auch aktiv um Integration in Schweizer Geschäftsverbänden und fühlt sich dort als vollwertiges Mitglied.Jedoch merkt er, dass viele zögern, auf ihn zuzugehen, da er als Mensch mit Behinderung bei ihnen Unsicherheit auslöst und sie Angst haben, etwas Falsches zu machen.

Trotz begrenzter Sprachkenntnisse ist er überzeugt, dass Empathie und Kontakt auch so möglich sind.

Er wünscht sich mehr Geduld gegenüber ukrainischen Geflüchteten.


Lorena (Kolumbianerin, Leiterin des Frauentreffs Ittigen und von Sportaktivitäten für Frauen):

Lorena lebt seit 15 Jahren in der Schweiz. Ihre Angebote richten sich an alle Menschen, die in Ittigen leben. Anfangs nahmen mehr Schweizerinnen und Schweizer an den Aktivitäten teil, doch im Laufe der Zeit hat sich die Zusammensetzung verändert, und inzwischen sind mehr migrantische Frauen als Einheimische vertreten.

Lorenas Kinder sind Mitglieder eines Schweizer Kickboxverbands, weshalb sie stark in Schweizer Sportvereine engagiert ist. Aufgrund ihrer Arbeit und ihres intensiven Engagements in verschiedenen Integrationsprojekten hat Lorena jedoch wenig freie Zeit, um an anderen Freizeitaktivitäten teilzunehmen.

Durch ihren Sohn machte Lorena eine Erfahrung von Ausgrenzung aufgrund der Herkunft: Eine Lehrerin sagte einmal, dass sie ein besonderes Auge auf ihr Kind haben werde, weil es nicht aus der Schweiz stamme – vermutete sie. Das empfand sie als unangenehm.

Lorena ist überzeugt, dass Freizeitaktivitäten wichtig sind. Migrant*innen sollten offener sein und die Bereitschaft mitbringen, ein integraler Bestandteil der Schweizer Gesellschaft zu werden. Offenheit für Kontakte sollte jedoch von beiden Seiten kommen. Sprachkenntnisse sind für diesen Prozess zentral, insbesondere für Familien mit kleinen Kindern, die zur Schule gehen oder dies planen.


Gulmire (Uigurin, Co-Leiterin des Frauentreffs Ittigen, Mitglied des Quartiervereins Kappelisacker und Schlüsselperson für türkische Familien):

Gulmire lebt seit 23 Jahren in der Schweiz. Sie ist eine aktive Person und nimmt an Sport-, Frauen-Café- und Nähaktivitäten teil. Sie ist nicht nur Teilnehmerin, sondern auch Leiterin solcher Angebote. Ihrer Ansicht nach liegt vieles in der Verantwortung der Migrantinnen und Migranten selbst. Es ist wichtig, Kontakte zu Einheimischen zu knüpfen und gemeinsam an Aktivitäten teilzunehmen.

Sie betont die Rolle von Schlüsselpersonen in der Gemeinde, die Neuankömmlingen den Zugang erleichtern können, insbesondere durch Willkommensveranstaltungen und Informationen sowie durch Angebote im Bildungs- und Freizeitbereich.

Viel kann auf Mikroebene erreicht werden: Zum Beispiel ist ein guter Kontakt zu Nachbarn wichtig. Auch die Teilnahme an lokalen Aktivitäten in der eigenen Gemeinde kann sehr hilfreich sein.


Sihem (Tunesierin, Mitarbeit vom Café Mondial in Bern West):

Als Frau aus Tunesien, die aus Liebe in die Schweiz eingewandert ist, erlebte Sihem zu Beginn ihres Aufenthalts Einsamkeit. Nach einer sehr schwierigen Zeit wurde sie aktiv und nahm an ElKi- und MuKi-Deutschkursen teil. Heute ist sie dank der Teilnahme an Kinderaktivitäten im Quartier und im Café Mondial in Bern West mit vielen Frauen unterschiedlicher Herkunft in Kontakt.

Erfreulicherweise nehmen sowohl Einheimische als auch Migrantinnen daran teil, und mit ihren Schweizer Nachbar*innen hat sie ebenfalls viele Kontakte.

Freizeitaktivitäten haben es Sihem auch ermöglicht, das Schweizer Schulsystem besser zu verstehen. Ihre Botschaft richtet sich an Frauen: nicht zu Hause bleiben, aktiv sein, Informationen suchen, einen Sprachkurs besuchen und Arbeit finden.


Liliane (Schweizerin, Leiterin einer Dance-Fitness-Klasse, Tanzpädagogin in Ausbildung):

Liliane betont, dass auch das Alter eine unsichtbare Barriere sein kann, die die Teilnahme an Freizeitaktivitäten einschränkt. In ihrer Gruppe, die für alle offen ist, nehmen überwiegend Migrantinnen teil, weniger Schweizerinnen. Jede bringt ihren eigenen kulturellen Hintergrund ein und trägt zum Tanz bei.

Um das Verständnis zu erleichtern, spricht Liliane Hochdeutsch und Englisch. Spontan ist in der Gruppe auch der Wunsch entstanden, sich zu verbinden und sich ausserhalb des Tanzes zu treffen.

Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit haben alle Menschen, und es ist nur eine Frage der Zeit und des Ortes, wo man geboren wird. Tanz ist eine universelle und integrative Sprache, die hilft, Barrieren abzubauen.


Femi Oshinloye (Nigerianer, Freiwilliger in verschiedenen NGOs):

Femi hat zwar Freizeit, weist jedoch auf den Druck der sprachlichen Integration, mangelnde gesellschaftliche Stabilität und allgemeine Ängste unter Migrant*innen in prekären Situationen hin. Diese möchten ihre Freizeit zwar nutzen, um Kontakte zu knüpfen, sind in der Realität jedoch eingeschränkt.

Als Ausländer und Person mit dunkler Hautfarbe stellt Femi fest, dass Einheimische ihn oft nicht beachten oder ignorieren. Er berichtet auch von rassistischem Verhalten seitens von Kindern, auf das er aus verschiedenen Gründen nicht reagieren kann.

Femi betont, dass trotz klarer staatlicher Integrationsangebote viele ausgeschlossen sind, weil sie in einem unklaren Status leben. Migrantinnen und Migranten sollten eine aktive Rolle einnehmen, um Kontakte zu knüpfen und notwendige Informationen zu erhalten.

Seiner Ansicht nach kann man von der Kunst lernen:

Wenn man ein Bild betrachtet, sprechen Farben nicht, und dennoch können sie kommunizieren. Ähnlich ist es auch bei Menschen – man muss nur die eigenen Ängste überwinden. Dabei können wir uns gegenseitig helfen.


Diese Reportage ist in Rahmen der 16. Aktionswoche der Stadt Bern gegen Rassismus entstanden:

Diese begin am Samstag, 21. März und bietet bis zum Samstag, 28. März 2026 zahlreichen Veranstaltungen. Das Programm finden Sie auf der Webseite der Aktionswoche.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.