Perla Ciommi: Wenn das Bild zur politischen Haltung wird

Im Kontext des Dokumentarfilms „Wir Mitbürgerinnen“ (2015) tritt Perla Ciommi nicht nur als Regisseurin und Editorin hervor, sondern als eine Stimme, die das Verhältnis zwischen Bild und Gerechtigkeit neu denkt.

Ihre Arbeit geht über eine reine visuelle Darstellung Frauen mit Migrationsbiografie in der Schweiz hinaus. Vielmehr schafft sie einen Raum, in dem Stimmen nicht gefiltert oder vereinfacht werden, sondern in ihrer Vielfalt bestehen bleiben dürfen. In einer Zeit, in der Fragen von Zugehörigkeit und Teilhabe oft von aussen definiert wurden, entschied sich Perla Ciommi bewusst für einen Ansatz des Zuhörens.

Wir Mitbürgerinnen begleitet drei engagierte Frauen durch ihren Alltag an unterschiedliche Orte politischer Partizipation in der Schweiz. Der partizipative Film wurde 2015 vom ehemaligen CFD (heute Frida) produziert und begleitet drei engagierte Frauen mit Migrationshintergrund, die an unterschiedlichen Orten politischer Partizipation in der Schweiz aktiv sind: Isabel Zubieta (Quartierleben, Bern), Jasmina Causevic (Publikumsrat SRG) und Josiane Jemmely (Grosser Rat Neuenburg).

Der Film zeigt, dass Mitgestaltung vielfältige Formen annimmt und über die Wahlurne hinausgeht. Er wurde häufig im Kontext von Integration und Partizipation gezeigt und feierte sein Jubiläum im Dezember 2025 im Living Room mit einer Vorstellung und anschliessender Podiumsdiskussion.

Der Schnitt folgt dabei keiner dominanten Erzählung, sondern einer ethischen Praxis: Unterschiedliche Perspektiven werden nebeneinandergestellt, ohne sie zu glätten. Gerade darin liegt die politische Kraft ihrer Arbeit – Frauen werden nicht dargestellt, sondern sichtbar gemacht, in ihrer eigenen Komplexität.

Mithra Akbhari (Produzentin), Isabel Zubieta (Protagonistin) Perla Ciommi (Regisseurin) bei der Podiumdiskussion in Living Room

Diese Haltung spiegelt sich auch in ihren weiteren Projekten wider. Mit dem Theaterprojekt Frauen Elemente eröffnet sie kollektive Bühnenräume, in denen Erfahrungen körperlich und performativ Ausdruck finden. Ebenso realisierte sie die filmische Web-Serie vom Haus der Talente, die vielfältige Stimmen und Perspektiven innerhalb der Theatererfahrung sichtbar macht und der Teilnehmende des Projekts eine langfristige Plattform bietet.

Café Treffen im Living Room, organisiert von der Feministisches AG Migration

Auch jenseits filmischer Formate bleibt ihr Ansatz konsequent partizipativ. Im Rahmen eines feministischen Treffens (Café Treffen), organisiert von der Feministisches AG Migration und durchgeführt im Living Room, wurde dieser Anspruch greifbar. Frauen aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten kamen zusammen, um ihre Erfahrungen zu teilen – im Alltag, in der Kunst und insbesondere in partizipativen Räumen, wodurch Ausdruck und Selbstermächtigung möglich wurden.

„Es war kein gewöhnliches Gespräch. Es war ein Moment, in dem Frauen nicht nur ihre Geschichten erzählten, sondern ihre Position im öffentlichen Raum neu definierten.“

— Qamar Mohamed

Wie es die Suhad Abdin formulierte:

„Unsere Geschichten brauchen keine Erlaubnis. Sie existieren, weil wir existieren – und wir erzählen sie, auch wenn niemand zuhört.“

Zehn Jahre nach der Entstehung des Films lässt sich Perla Ciommis Arbeit als Teil eines visuellen, feministischen Archivs lesen. Sie dokumentiert nicht nur eine Zeit, sondern stellt Fragen, die bis heute unbeantwortet bleiben: Wer gehört dazu? Wer darf sprechen? Und wer wird gesehen?

Gerade in aktuellen Debatten über Teilhabe und Repräsentation gewinnt ihre Arbeit neue Relevanz. Sie zeigt, dass Veränderung nicht nur durch Institutionen entsteht, sondern durch die Art und Weise, wie Geschichten erzählt werden – und wem Raum gegeben wird, sie zu erzählen.

Für Informationen und zur Teilnahme an den feministischen Treffen schreiben Sie an zahor@lucify.ch

Über Zahraa Alassadi

Zahraa Al-Assadi ist Redakteurin bei Lucify.ch. Sie wurde im Libanon (Baalbek) geboren, hat irakische Wurzeln und wuchs künstlerisch und intellektuell in Damaskus auf. Sie ist aktiv in kulturellen und gesellschaftlichen Bereichen: Moderation, Unterstützung kleiner Projekte, Frauenaktivismus sowie Engagement in Vereinen und Gewerkschaften. Zudem verfügt sie über umfangreiche journalistische Erfahrung und hat Interviews und Beiträge zu Kunst und Kultur veröffentlicht. Ihr Leitprinzip lautet: „Wahre Freiheit beginnt mit geistiger und materieller Unabhängigkeit.“

Alle Beiträge anzeigen von Zahraa Alassadi

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.