Die Schweiz hat die sogenannte «Chaos-Initiative» am 14. Juni klar abgelehnt. 1’808’916 Menschen stimmten Nein. Für viele von uns war das eine grosse Erleichterung. Die Abstimmung hat das Land bewegt. Die Debatte war laut, die Meinungen gingen auseinander. Darüber wurde bereits viel geschrieben und gesprochen.
Wir richten den Blick deshalb auf eine andere Perspektive: auf Menschen, die von der Initiative direkt betroffen gewesen waren, aber nicht abstimmen durften. Ihre Stimmen kamen im Abstimmungskampf kaum vor. Dabei leben viele von ihnen hier, arbeiten hier und gestalten den Alltag in der Schweiz mit.
Emine Kenger ist Teilnehmerin des Workshops „Citizen Journalismus” in Stans. In ihrem Beitrag 10-Millionen-Schweiz und die neuen alten Sündenböcke hat sie sich mit dem Thema der Initiative auseinandergesetzt. In diesem Interview erzählt sie von ihrer Erfahrung.
«Ich durfte nicht abstimmen – aber das Thema betrifft mich» – wie Emine Kenger den Abstimmungssonntag erlebt hat und warum politische Debatten auch Menschen ohne Stimmrecht betreffen.
Lucify.ch: Emine, am 14. Juni hast du zusammen mit anderen Besuchern des Gemeinschaftszentrums in Stans in „Die bunte Spunte“ auf die Ergebnisse der Schweizer Volksabstimmung zur „10 Millionen Schweiz Initiative“ gewartet. Wie hast du diese Erfahrung empfunden? Was hast du daraus mitgenommen?
Emine Kenger: Es war für mich eine sehr interessante und besondere Erfahrung. Obwohl ich als Ausländerin nicht abstimmen darf, fand ich es spannend, den Abstimmungssonntag gemeinsam mit anderen Menschen zu erleben und ihre Meinungen zu hören. Dabei habe ich gemerkt, wie wichtig der direkte Austausch über politische Themen ist. Ich habe viel über das Schweizer politische System gelernt und verstanden, wie ernst die Menschen hier ihre politische Verantwortung nehmen.
Lucify.ch: Du hast kürzlich einen Workshop zum Thema Citizen Journalismus absolviert. Dort hast du dich auch mit der Initiative „10 Millionen Schweiz“ beschäftigt. Warum ist dieses Thema für dich wichtig? Warum hast du gerade dieses Thema für dein Abschlussprojekt gewählt?
Emine Kenger: Das Thema ist für mich wichtig, weil ich selbst einen Migrationshintergrund habe und die Diskussionen über Zuwanderung meinen Alltag direkt betreffen. Während des Workshops habe ich mich intensiv mit der Initiative auseinandergesetzt. Meiner Meinung nach braucht die Schweiz auch in Zukunft qualifizierte Zuwanderung, weil die Bevölkerung älter wird und in vielen Bereichen Fachkräfte fehlen. Gleichzeitig verstehe ich, dass viele Menschen Sorgen wegen Kriminalität und Integration haben. Oft werden jedoch alle Migrantinnen und Migranten pauschal beurteilt, obwohl die grosse Mehrheit einen positiven Beitrag zur Gesellschaft leistet. Deshalb wollte ich dieses Thema für mein Abschlussprojekt wählen und verschiedene Perspektiven sichtbar machen.
Lucify.ch: Mit Blick auf die Zukunft – welche Art von Volksabstimmungen würdest du dir in Zukunft wünschen?
Emine Kenger: Ich würde mir Volksabstimmungen wünschen, die sich mit sozialen Themen beschäftigen, zum Beispiel mit Chancengleichheit, Bildung, Integration und dem Zusammenleben verschiedener Bevölkerungsgruppen. Ausserdem finde ich Fragen rund um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die Unterstützung älterer Menschen sehr wichtig. Solche Themen betreffen viele Menschen direkt und können zu einem stärkeren gesellschaftlichen Zusammenhalt beitragen.

