Francesca Petrarca ist Schweizerin, doch geprägt wurde sie vor allem von ihrer Grossmutter, die in den 1950er Jahren allein aus Italien in die Schweiz migrierte. Als sie die „nonna“ verlor, begann Petrarca, über deren Geschichte nachzudenken und diese im Buch „No grazie, non fumo“ zu erzählen. Am 13. September präsentiert sie ihr Werk in der Gosteli Stiftung, einer wichtigen Institution zur Sammlung von Frauengeschichte. Wir haben sie gefragt, warum sie dieses Buch geschrieben und gestaltet hat und wie ihre persönliche Geschichte mit den kollektiven Erfahrungen der Migration verbunden ist.
Das Buch // Il Libro
Lucify.ch: Was hat Sie dazu bewegt, ein Buch über Ihre Grossmutter zu schreiben? // Cosa l’ha spinta a scrivere un libro dedicato a sua nonna?
Francesca Petrarca: Das Buchprojekt ist entstanden, als ich mich im Rahmen meiner Ausbildung intensiv mit der Bedeutung von Objekten im täglichen Gebrauch befasst habe. Als ich mich in meiner Wohnung umgeschaut habe, stellte ich fest, dass ich viele Gegenstände von meiner Grossmutter besitze, die sie mir weitergegeben hat. Viele davon haben eine bestimmte Geschichte, eine Erinnerung, die ich mit ihr verbinde. Als Grafikerin hat mich zunächst der gestalterische Aspekt eines Buches interessiert, der die Verbindung zwischen Text und Gegenstand macht.
Im Laufe des Projektes ist dann meine Grossmutter gestorben und ich habe mich von ihr anhand des Schreibens verabschiedet. In dieser Schaffenszeit ist noch dazu gekommen, dass ich immer wieder mit der Annahme konfrontiert wurde, dass meine Grossmutter «nur» als «Anhängsel» meines Grossvaters in die Schweiz gekommen ist. Ich wollte im Buch mit diesem Klischee ein wenig aufräumen und zeigen, dass sehr wohl auch Frauen selbstständig zum Arbeiten in die Schweiz gekommen sind. Dass sie unabhängig von einem Mann oder von einer Familie hier gelebt haben. Dies alles ist nun im Buch «No grazie, non fumo» eingeflossen.
L: Wie haben Sie den Titel No grazie, non fumo gewählt und welche Bedeutung hat er im Zusammenhang mit der erzählten Geschichte? // Come ha scelto il titolo No grazie, non fumo e che significato ha in relazione alla storia raccontata?
FP: Der Titel des Buches war lustigerweise schon von Anfang an klar. Es ist ein Ausspruch meiner Grossmutter, mit dem ich aufgewachsen bin. Sie war eine Frau voller Humor, die liebend gerne Filme von Totò schaute und immer wieder über seine Witze lachen konnte. Meine Mutter und ich vermuten, dass sie den Ausspruch «No grazie, non fumo» von ihm übernommen hat und in ihr eigenes Witze-Repertoire einfliessen liess. Sie sagte diesen Satz in Situationen, wo man zum Beispiel die dritte Portion Lasagne ablehnte. So, à la: «Ja ja, nein danke, ich rauche auch nicht.» Was ja überhaupt keinen Sinn macht.
L: Haben Sie historische Recherchen durchgeführt, um die Geschichte Ihrer Grossmutter in den sozialen Kontext einzuordnen? // Ha effettuato delle ricerche storiche per mettere la storia della sua nonna nel contesto sociale?
FP: Ja, das habe ich. Aber es war eher eine harzige Suche, da ich damals nur wenig Material gefunden habe. Mittlerweile gibt es mehr zum Thema. Als ich angefangen habe, ging ich von den persönlichen Anekdoten meiner Grossmutter aus und erst langsam habe ich mir den historischen Rahmen erschlossen. Vieles wusste ich vor meiner Recherche nicht oder ich habe erst beim Prozess gemerkt, wie sehr Politik und Wirtschaft meine Familie beeinflusst haben.
Es waren viele «aha»-Momente. Spannend, denn bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich zum Beispiel nicht verstanden, dass meine Mutter als Kind aufgrund der Schweizer Gesetze nicht mit meinen Grosseltern in der Schweiz leben durfte. Wie sehr dies die Beziehungen zwischen meiner Mutter und ihren Eltern beeinflusst hat und was das mit mir zu tun hat, ist mir erst nach der Recherche bewusst worden. Im Laufe des Prozesses habe ich gemerkt, dass eine zweite Stimme im Buch wichtig ist, die den historischen Hintergrund prägnant erläutert. Aus diesem Grund habe ich die Historikerin Flavia Grossmann angefragt, Kurztexte zu verfassen, die die damalige Sachlage beschreiben.
Erinnerungen und kulturelle Identität // Memoria e identità culturale
L: Welche Aspekte der italienischen Kultur hat Ihnen Ihre Grossmutter vermittelt, die Sie heute noch in Ihrem Alltag lebendig spüren? // Quali aspetti della cultura italiana sua nonna le ha trasmesso e che oggi sente ancora vivi nella sua vita quotidiana?
FP: Ich kann nicht sagen, dass das Aspekte der italienischen Kultur sind, ohne auch ein wenig vorsichtig sein zu wollen, um nicht in die Klischeefalle zu stampfen. Aber vielleicht hat sie mir tatsächlich die Freude am Kochen weitergegeben. Meine Grossmutter hat ihre Kreativität in der Küche und im Nähen ausgelebt. Beides nimmt in meinem Alltag einen wichtigen Raum ein. Ich würde hier auch gerne noch die Liebe zum Meer, zum Flanieren und zum Zusammensein nennen. Ob das ausschliesslich Aspekte der italienischen Kultur sind, weiss ich nicht. Aber es sind Aspekte, die meine Beziehung zu meiner Grossmutter beschreiben.
L: Gibt es einen Brauch, eine Tradition oder eine besondere Geste Ihrer Grossmutter, die Sie besonders bewahren? // C’è un’usanza, una tradizione o un gesto particolare di sua nonna che conserva in particolare?
FP: Wenn ich darüber nachdenke, habe ich einige Handlungen übernommen, die meine Grossmutter immer gemacht hat. Zum Beispiel eine Espressotasse mit Béchamel und Bolognese füllen, wenn ich Lasagne mache. Ich nennen sie «Amuse Bouche» – eine kleine Zwischenverpflegung, bevor die Lasagne geschichtet wird. Oder ständig in Bewegung zu sein, sobald wir Gäste empfangen. Sie zu umsorgen und für ihr Wohl zu garantieren, habe ich bestimmt von ihr abgeschaut. Und mir sind die Gegenstände, die mich umgeben wichtig. Sie nehmen, wie bei meiner Grossmutter, eine grosse Bedeutung ein. Meine nonna hat sich liebevoll um Wäsche, Geschirr, Möbel gekümmert, indem sie sie pflegte. Ich kümmere mich vielleicht nicht ganz so um sie, aber sie nehmen hinsichtlich der Gefühlsebene in meinem Leben eine grosse Wichtigkeit ein.
Migration und Gesellschaft // Migrazione e società
L: Ihre Grossmutter kam in den 1950er-Jahren in die Schweiz: Was hat sie zu diesem Schritt bewegt? // Sua nonna è arrivata in Svizzera negli anni ’50: cosa l’ha spinta a compiere questo passo?
FP: Meine Grossmutter ist in Isernia aufgewachsen und hat sich da zur Schneiderin ausbilden lassen. Doch es gab damals nicht genug Arbeit für sie, oder die Bezahlung war sehr schlecht. Als neugieriger Mensch, hat sie die Vorstellung, im Ausland zu arbeiten und Geld zu verdienen wohl angezogen. Und ich vermute auch, dass sie sich vom Elternhaus und von dem Leben in der Kleinstadt emanzipieren wollte.
L: Inwiefern haben die eingewanderten Frauen jener Generation dazu beigetragen, die Schweizer Gesellschaft zu verändern? // In che modo le donne immigrate di quella generazione hanno contribuito a trasformare la società svizzera?
FP: Viele eingewanderte Frauen waren berufstätig und übernahmen in unterschiedlichen Sektoren Arbeiten, die sonst niemand machen wollte. Sie stellten in diesem Sinne ein Vorbild für eine emanzipierte Frau dar. Sie traten selbstbewusst in den öffentlichen Raum auf, was vermutlich bei Schweizer:innen Eindruck hinterliess. Sie hatten in der Frauenbewegung eine prägende Rolle und setzten sich für die Gleichstellung ein.
Familien- und Kollektivegeschichte // Storia familiare e collettiva
FP: Sie verflechten persönliche Erinnerungen mit der grossen Geschichte der Migration: Wie haben Sie diese doppelte Erzählebene entwickelt? // Lei intreccia ricordi personali con la grande storia della migrazione: come ha sviluppato questo doppio livello di racconto?
FP: Im Buch kommen Anekdoten meiner Grossmutter vor. Ihre Erinnerungen an die Zeit in der Schweiz. Es ist eine nicht chronologische Biografie meiner nonna aus Erinnerungsfragmenten und intimen Einblicken meiner Beziehung zu ihr. Die kurzen Texte werden mit historischen Beiträgen unterbrochen, die meinen Ausführungen eine Kontextualisierung geben. Meine Gefühlswelt erhält damit einen politischen Rahmen, der die strukturellen Probleme aufzeigt. Flavia Grossmann beschreibt darin das Migrationsgeschehen in der Nachkriegszeit und fokussiert auf die Frauen und die Migration. Sie geht auf das Saisonnierstatut, die illegalisierten Kinder und auf die sogenannte «Überfremdungsbewegung» ein.
L: Gibt es Episoden aus dem Alltag Ihrer Grosseltern, die Sie als sinnbildlich für die Migrationssituation jener Jahre betrachten? // Ci sono episodi della vita quotidiana dei suoi nonni che considera emblematici della condizione migratoria di quegli anni?
FP: In meiner Recherche habe ich unsere Fotoalben genauer als sonst angeschaut. Bei einigen Fotos meiner Mutter als Kind, fiel mir auf der Rückseite eine Handschrift auf, die sich an meine Grosseltern richtet. Zum Beispiel steht da geschrieben: «In ricordo ai miei genitori lontani con affetto. Luigina. (sono qui a due anni).» Meine Grossmutter genoss die Zeit mit mir als Kleinkind sehr – war ich für sie die kleine Tochter, die sie in Italien zurücklassen musste. Oder auch die Freude meines Grossvaters, mit mir in der ersten Klasse Zug zu fahren – musste er als junger Mann jahrelang eine strapazierende Zugfahrt zurück nach Süditalien machen, weil er jeweils nach neun Monaten aufgrund der damaligen Gesetze zurück ins Heimatland reisen musste.
Und noch.. // Ancora una domanda
L: Sie haben auch die grafische Gestaltung des Buches übernommen: War das eine zwingende oder eine bewusste Entscheidung? Was beinhaltet diese Art von Arbeit? // Lei ha curato anche la grafica del libro: è stata una scelta obbligata o voluta? Cosa comporta questo tipo di lavoro?
FP: Als Grafikerin interessieren mich Seh- und Lesegewohnheiten bzw. das Hinterfragen bestimmter Regeln. Ich selbst bin eine Leserin. Bücher spielen eine wichtige Rolle in meinem Leben. Als klar war, dass ich ein Buch über meine Grossmutter realisieren wollte, war es für mich eine grosse Herausforderung, plötzlich für die Inhalte, aber auch die die Ausführung des Buches zuständig zu sein.
Das Buch löst in der Gestaltung, aber auch in der Textebene die strenge Linearität einer Geschichte mit Anfang und Ende auf. Es war mich sehr wichtig, eine visuelle und textliche Sprache zu finden, die sich von einer klischeehaften Darstellung der sogenannten «italianità» abgrenzt. Ich sehe in der Arbeit der Grafikerin die Verantwortung, Inhalte würdevoll darzustellen. Denn Gestaltung, Ausdruck, Sprache – all dies vermittelt Geschichte, Wissen, Erinnerung und muss deshalb kritisch umgesetzt werden.
Weitere Infos
Lesung mit Brunch in Gosteli Stiftung am 13.9.2025: https://www.gosteli-archiv.ch/de/agenda/migrationsgeschichte-im-gosteli-archiv-francesca-petrarca-liest-aus-ihrem-buch-no-grazie-non-fumo
Das Buch „No grazie, non fumo“: https://www.edition-clandestin.ch/buecher/f21d4ef8-f624-4aba-a7b4-ad3e40098963

