Kreativität als Lebensenergie

Kreativität wird oft als etwas Besonderes wahrgenommen – als ein Talent, das nur wenigen Auserwählten zugänglich ist. Doch wenn man tiefer schaut, wird klar: Kreativität ist Lebensenergie, die sich in uns mit dem ersten Atemzug zeigt. Und genau von uns hängt es ab, wie sich unsere Kreativität im Laufe der Zeit entfaltet.

Den Menschen kann man metaphorisch mit einem Gefäss vergleichen, das, wenn es sich mit Lebensenergie überfüllt, auch die Menschen in seiner Nähe erfüllt. Diese Energie geht über die Grenzen eines einzelnen Menschen hinaus, schafft Verbindungen, unterstützt und belebt den Raum um ihn herum.

Kreativität ist ein Energieaustausch, der dem Leben zugrunde liegt.Trotzdem können Lebensumstände eine Person erschöpfen und sie von dieser Energie berauben. Verluste, erzwungene Veränderungen und Unsicherheit — all das nimmt nach und nach die Kräfte und lässt den Menschen in einem Zustand zurück, in dem es ihm schwerfällt, sich sogar um sich selbst zu kümmern, ganz zu schweigen von anderen.
Genau deshalb hat mich die Geschichte von Valentina so stark beeindruckt.

Sie kam als Flüchtling aus der Ukraine in die Schweiz. Vor dem Krieg lebte Valentina in Donezk, doch der Krieg nahm ihr ihr Zuhause und ihr gewohntes Leben. Alles Beständige und Vertraute blieb in der Vergangenheit. Unter solchen Umständen scheint der Mensch sich nur auf das Überleben zu konzentrieren.

Aber Valentina ist ein Mensch mit erstaunlicher innerer Stärke und kreativem Potenzial, das sie nicht nur bewahrt hat, sondern weiterhin an andere weitergibt. Sie ist 80 Jahre alt und leitet Strickkurse in unserem Gemeinschaftszentrum die Bunte Spunte in Stans. Um sie herum haben sich Frauen aus verschiedenen Ländern versammelt. Viele beherrschen dieses Handwerk bereits, kommen aber trotzdem regelmässig zu ihr – und nicht nur wegen der Technik.

Sie lernen alle Deutsch, kommunizieren über einen Übersetzer, finden manchmal nur schwer die richtigen Worte, und dennoch entsteht zwischen ihnen ein echtes Gefühl von Gemeinschaft und gegenseitiger Wärme.

Das sind nicht einfach nur Kurse. Es ist ein Raum, in dem Menschen sich wie eine Familie fühlen.
Und im Zentrum davon steht Valentina.

Als ich zum ersten Mal zu diesen Kursen kam, hat mich vor allem die Atmosphäre beeindruckt: ruhig, natürlich, durchdrungen von innerer Würde und stiller Kraft.

Sie schafft um sich herum eine besondere kreative Umgebung, in der kein Chaos herrscht — im Gegenteil, sie ordnet und strukturiert den Raum auf sanfte Weise.

Irina:
 Valentina Dmitrievna, guten Tag! Wir kennen uns jetzt seit etwa drei Jahren, oder?

Valentina Dmitrievna:
 Ja.

Irina: 
Ich erinnere mich an unser erstes Treffen, als ich zu Ihrem Strick-Workshop kam. Ich sah Frauen aus verschiedenen Ländern – aus Afghanistan, der Türkei, Chile, Peru, Brasilien, Bangladesch.
Und Sie haben ihnen eine Stricktechnik auf Ukrainisch erklärt. Alle haben Ihnen zugehört, alle waren begeistert.
Heute fühlt es die Gruppe sehr eng verbunden und harmonisch. Wie gelingt Ihnen das? Können Sie darüber erzählen?

Valentina Dmitrievna:
 Ich bin von Beruf Physiklehrerin. Aber mein Hobby ist Nähen und Stricken. Man muss einfach seine Arbeit lieben und die Menschen lieben, und sie spüren das. Ja, ich bin Leiterin eines Kurses, aber ich habe eine Assistentin, Rozija. Sie konnte Deutsch viel besser als ich.
Und wir haben gemeinsam eine Sprache gefunden, und die Sprachbarriere war für uns kein Hindernis. Auch das Telefon ist mein Freund und Helfer.

Irina:
 Was ist dann für Sie das Wichtigste?

Valentina Dmitrievna: 
Das Wichtigste ist, zu lieben. Und ich wiederhole noch einmal: das zu lieben, was man tut, und Freude daran zu haben.
Die Menschen spüren das. Und man muss die Menschen lieben.

Irina: Ich habe das auch gespürt, als ich zu unserem ersten Treffen kam. Für mich war es nicht nur eine Entdeckung – ich habe gesehen, wie Sie Menschen inspirieren und anleiten. Und das alles machen Sie mit so viel Liebe, so leicht, als würde es wie ein Energiefluss aus Ihnen kommen, wie ein Brunnen.

Valentina Dmitrievna: Die Menschen kamen einfach, um sich zu erholen und etwas Neues zu lernen. Wir organisierten Märkte und haben Geld verdient. Die Menschen waren zufrieden mit der Arbeit.
Und übrigens, niemand hat mich Valentina Dmitrievna genannt. Alle haben mich einfach Valentina genannt.

Irina: Ja, wir nennen Sie untereinander auch Valentina.
Aber dieses Jahr hatten Sie ein sehr schönes Jubiläum – 80 Jahre. Ich kann das gar nicht mit Ihnen in Einklang bringen. Sie wirken sehr jung, und Ihre Augen sind sehr jung.

Valentina Dmitrievna: Für mich ist es eine gute Nachricht, dass man in jedem Alter Freude am Leben haben und aktiv sein kann. Ich habe mein ganzes Leben mit jungen Menschen gearbeitet. Das ist schon ein Lebensstil. Und so geht es auch hier weiter. Alles ist in Ordnung.
Und ab September werde ich einen gemeinsamen Frauenkurs für Nähen und Stricken leiten. Ich bin damit zufrieden – ich bin unter Menschen.
Wir helfen einander, und das hält uns am Leben.

Irina: Als ich über Sie einen Artikel geschrieben habe, habe ich erwähnt, dass Ihr Leben nicht einfach war. Ich weiss, dass Sie Ihre Wohnung in Donezk verloren haben, dass Sie zuerst nach Lwiw und dann hierher kommen mussten. Und trotzdem finden Sie Zeit für Menschen. Viele ziehen sich in ihre Probleme zurück…

Valentina Dmitrievna: Ja, ich hatte kein leichtes Leben. Ich habe meine Wohnung verloren, ich bin eine Vertriebene… Mein Mann ist durch den Krieg gestorben, ich bin allein geblieben. Aber jeder hat Probleme, und das Leben geht weiter, und man muss ein normales Leben führen, sich nicht darin festbeissen.
Ich bin sehr froh, dass ich unter Menschen bin, dass ich arbeite. So habe ich mein ganzes Leben gelebt — das ist mein Lebensstil. Menschen erfüllen mich, und ich erfülle sie auch.
Mir ist es besser unter Menschen als zu Hause zu sitzen und in meinen Gedanken und Krankheiten zu versinken. Nein, man muss leben. Das Leben ist kurz. Ich sage jetzt immer: Das Wichtigste ist, zu überleben und am Leben zu bleiben. Das betrifft besonders diejenigen, die in der Ukraine geblieben sind. Ich wünsche allen, dass sie gesund und am Leben bleiben und dass der Krieg endet.


Paraphrasierend nach Erich Fromm ist Kreativität eine Weise zu sein und lebendig zu bleiben, die innere Energie zu bewahren und sie trotz allem weiterzugeben.

Der Mensch ist das einzige Lebewesen, für das Kreativität zu einer bewussten Weise des Daseins und der Gestaltung der Welt wird. Im Unterschied zu anderen Lebensformen passt er sich der Realität nicht nur an, sondern verwandelt sie, indem er ihr Sinn, Form und innere Struktur verleiht.

Vielleicht liegt genau darin die wahre Kreativität: in der Fähigkeit, erfüllt zu sein und diesen Zustand in eine Quelle für andere zu verwandeln.

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