Ist es beschämend, in der Schweiz arm zu sein?

Seit wirtschaftlicher Turbulenzen, COVID-19 und anderen Umstände ist uns bewusst geworden, dass wir in einer sehr instabilen und unvorhersehbaren Welt existieren. Unsere Gesellschaft ist jederzeit Risiken ausgesetzt. Es ist ein Umfeld, in dem unvorhersehbare externe Faktoren das Leben eines Menschen sehr unerwartet und abrupt verändern können.

Obwohl Armut in der Schweiz nicht zu den offensichtlichsten Problemen gehört, existiert sie dennoch und ist oft mit Stigmatisierung verbunden. Sie wird auch häufig stereotypisiert. Paradoxerweise kann man auch in einem vermeintlich wirtschaftlich entwickelten Land arm sein. Und man kann in finanzielle Schwierigkeiten geraten, selbst wenn man hochgebildet und gut erzogen ist. Andererseits werden Menschen mit niedrigen Löhnen oft als geringqualifiziert oder ungebildet wahrgenommen, was jedoch nicht immer der Fall ist.

Leider ist uns auch nicht immer bewusst, dass sich Menschen aufgrund der Stigmatisierung von Armut schämen können, ihre finanziellen Probleme preiszugeben, und deshalb zögern, Hilfe zu suchen. So erging es auch der Protagonistin dieses Beitrags.

Noras unerwartetes Schicksal

Nora (Name geändert) war sich immer sicher, dass zwei Universitätsdiplome und ein Masterabschluss ihr garantieren würden, niemals arbeitslos zu sein und niemals Armut zu erleben. Später musste sie jedoch feststellen, dass intellektuelles Kapital, so wertvoll es auch ist, keine Garantie bietet.

Vor einem Jahr verliess Nora eine Verwandte, die Schulden hinterliess, die die Familie übernehmen musste. Und wenige Monate später wurde bei einem weiteren Familienmitglied eine schwere Krankheit diagnostiziert. Natürlich musste die Noras Familie den Angehörigen finanziell unterstützen und seine Chemotherapie finanzieren. Dann folgte ihr eigener Unfall mit anschliessender Operation. Während der Genesungsphase war Nora arbeitsunfähig und verlor graduell ihre Stelle ganz.

Nun könnten wir sagen, dass wenn man seinen Job verliert, kann man das nicht als Katastrophe sehen, sondern als Chance, endlich etwas Besseres zu finden, einem toxischen Umfeld zu entfliehen und im Leben etwas zu verändern.

Das wäre auch bei Nora der Fall, die in der Vergangenheit auch schon mehrmals den Arbeitsplatz gewechselt hat. Allerdings, wenn der Verlust des Arbeitsplatzes Teil einer Kette tragischer Ereignisse ist, braucht man enorme emotionale Stärke, um nicht zu verzweifeln. Und als Mutter darf sie sich einfach keine Schwäche erlauben. So dachte Nora. Doch wie viel tragische Bürde kann eine Frau letztendlich ertragen?

Unsere Protagonistin ergriff natürlich sofort Massnahmen, doch der Erfolg liess auf sich leider warten. Man sagte ihr, sie sei überqualifiziert, an anderer Stelle, sie sei zu alt und an dritter Stelle wurde ihr noch etwas anderes gesagt. Und als viertes, nicht offen zugegebenes Argument wurde ihre Herkunft trotz ihrer guten Sprachkenntnisse genannt. Die Absagen waren oft ähnlich formuliert und wurden wenige Stunden nach der Bewerbung von Bots verschickt. Es war, als ob ihre Motivationsschreiben gar nicht von einem Menschen gelesen worden wären.

Noras erster Gedanke war, mehr Zeit und Energie in ihre Netzwerke zu investieren – insbesondere im beruflichen Bereich. Doch dann kam ein weiteres Hindernis. Der Besuch einer Kulturveranstaltung, ein Kaffee mit einer Kollegin oder einfach nur ein Ticket in die Stadt, um andere Leute zu treffen – all das konnte sie sich aufgrund ihrer veränderten finanziellen Sotuation nicht mehr leisten. Ihre früheren Freunde zogen sich zurück, da die meisten nicht verstehen konnten, warum sie nicht mehr ausging (die Gründe dafür schämte sie sich zu nennen).

Das ist vielleicht das grösste Risiko: sich in Schwierigkeiten in sich selbst zurückzuziehen. Das führte bei unserer Heldin zu Selbstzweifeln, einem sinkenden Selbstwertgefühl und schliesslich zu Depressionen. Letztere beeinträchtigten ihre Motivation und ihr allgemeines Wohlbefinden. Nur ihr Kind und ihre Familie bewahrten sie davor, ins Schlimmste zu stürzen; mit und für ihre Familie begann sie ihren Weg zurück ins Leben.

Was aber, wenn sie allein gewesen wäre? Zum Beispiel eine einsame Mutter oder eine ältere Person? Das könnte dann viel schlimmer sein, wie viele Studie zeigen.

Illustration Perla Ciommi

Noras Schicksal kann jeden treffen

Laut der „Heilsarmee“ ist die Armut in der Schweiz versteckt, nimmt aber jedes Jahr allmählich zu, insbesondere nach Covid-19: Jeder Zehnte im Land ist betroffen; Frauen sind dabei stärker betroffen als Männer (Armut in der Schweiz – Heilsarmee). Laut dem Schweizer Bundesamt für Statistik (BFS) gehören auch einsame Menschen über 65 Jahre zu den am stärksten von Armut bedrohten Menschen (Armutsrisiko | Bundesamt für Statistik – BFS).

Glücklicherweise gibt es zumindest in Bern noch einige Möglichkeiten für bedürftige Menschen, sich nicht ausgeschlossen zu fühlen, von vergünstigten Sozialleistungen zu profitieren und am sozialen und kulturellen Leben teilzunehmen. Lucify.ch möchte einige dieser Möglichkeiten nennen:

  1. Einige Organisationen und Kirchen bieten die Möglichkeit, sich kostenlos für Deutschkurse anzumelden. Zum Beispiel Deutsch Integral. Die Integrationsbrücke Bern kann Ihnen helfen, sich ein ÖV-Ticket für Ihren Deutschkurs zu leisten.
  2. Vereine wie „Mazay“ oder „Wandern für alle“ organisieren kostenlose Sportangebote für Migranten. In Bern gibt es noch weitere, zum Beispiel Sportintegration und andere.
  3. Konzerte in Kirchen (und teilweise im Konservatorium) finden oft auf Kollekte-Basis statt: Sie spenden, was Sie können. Die Bibliothek Kornhaus organisiert die meisten ihrer Veranstaltungen für Familien, Kinder und Erwachsene kostenlos. Dazu gehören beispielsweise Lesegruppen in verschiedenen Sprachen, Workshops, Buchpräsentationen usw.
  4. Einige Musikschulen sind bereit, die Semestergebühren je nach Einkommen zu besprechen. Fragen Sie einfach nach. Und manche Sportaktivitäten Ihres Kindes sind steuerlich absetzbar.
  5. Einige Organisationen, wie beispielsweise Familienzentrum Bern, Muetterzentrum Bern West und Treffpunkt MueZe, bieten Kinderfrisuren zu ermäßigten Preisen an. Auch bei „Unity Schweiz“ gibt es ein Angebot für günstige Friseurdienstleistungen für Geflüchtete.
  6. Einige Läden und Restaurants in Bern bieten Essen für Bedürftige an. Darunter „La Prairie“, „Äss-Bar“ und „Dock 8“. In der Nähe von Kirchen finden Sie möglicherweise einen Kühlschrank mit Lebensmitteln. Zögern Sie nicht, nach „Café Surprise“ zu fragen. Dank der Spenden vorheriger Kunden erhalten Sie Ihr warmes Getränk gratis. Dies findet man im TreffPunkt MueZe in Gumligen, im Café Mondial und einigen anderen Lokalen.
  7. Wenn Sie die Möglichkeit haben, die App „TooGoodToGo“ herunterzuladen, profitieren Sie nicht nur von doppelt reduzierten Lebensmittelpreisen, sondern tragen auch zur Reduzierung von Food Waste bei.
  8. Wenn Sie KünstlerIn sind, zögern Sie nicht, Kontakt mit „Living Room“ oder „kreativAsyl“ aufzunehmen – das sind Organisationen, die Künstlergemeinschaften unterschiedlicher Herkunft willkommen heissen und versuchen, sie mit Ausstellungen und Residenzen zu unterstützen.
  9. KulturLegi ist ein Angebot von CARITAS, mit dem Sie von Ermässigungen auf rund 3.800 Angebote in der ganzen Schweiz profitieren können – von Sport- und Museumsbesuchen bis hin zu Sprachkursen. Auch Kinderaktivitäten sind ermässigt (z. B. über FÄGER).
  10. Auch die Kampagne Im Minus der Migros hat die Aufmerksamkeit auf die Armut in der Schweiz gelenkt. Auf der Website https://engagement.migros.ch/de/im-minus finden Sie weitere Informationen und Tipps, um mit finanziellen Schwierigkeiten zurechtzukommen.

Ein letzter Tipp unserer Redaktion: Schliessen Sie sich nicht von der Aussenwelt ab, sondern pflegen Sie den Kontakt zu anderen Menschen – egal ob Verwandte oder Fremde. Soziales Inklusion ist sehr wichtig. Schon ein spontanes Plaudern mit anderen hilft Ihnen, psychisch gesund zu bleiben und in dieser schwierigen Phase abzulenken.

Und denken Sie daran: Alles ist vergänglich! Die Umstände ändern sich ständig. Bleiben Sie zuversichtlich und atmen Sie tief durch.

Über Anna Butan

Anna speaks French, German, English and Russian. She obtained a Master Degree at the University of Bern (Cultural Studies) and a Bachelor at the Lomonosov Moscow State University (Philology). Anna has big interest in such themes as: identity, cultural hybridity, music, and raising children in multicultural context. She is convinced that our children can teach us a lot. They are not born with stereotypes but they risk to acquire them later under external circumstances. Our task as parents is to help them grow as conscious and culture-aware humans.

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