Grosse Mobilisierung feministischer Organisationen für ausreichende Mittel gegen geschlechtsspezifische Gewalt

feministische Protest auf dem Bundesplatz

Ein Bericht von Perla Ciommi und Zahraa Alassadi. Bilder, Videos & Audios von Zahraa Alassadi

Kurz zusammengefasst – das sind die wichtigsten Punkte
  • Der Nationalrat hat einen Antrag abgelehnt, eine Million Franken zusätzlich für den Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt bereitzustellen – was breite Empörung auslöste.
  • Die Bundesgelder für Gewaltprävention stagnieren seit 2016 bei 3 Millionen Franken pro Jahr.
  • Zentrale Schutzangebote wie Frauenhaeuser, Beratungsstellen und die nationale Helpline sind unterfinanziert.
  • Zivilgesellschaftliche Stellen zählen 25–27 mutmassliche Femizide in der Schweiz pro Jahr.
  • Im internationalen Vergleich investiert die Schweiz am wenigsten. Spanien, Frankreich und Deutschland kommen viel schneller voran.
  • Die Proteste zeigen: Der gesellschaftliche Druck, beim Schutz gewaltbetroffener Frauen endlich mehr zu tun, wächst.

Ein angespannter Abend vor dem Bundeshaus

Am Dienstagabend, dem 9. Dezember 2025, haben sich mehrere hundert Menschen rund um das Bundeshaus versammelt. Sie protestierten gegen den Entscheid des Nationalrats, keine zusätzlichen Gelder für den Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt bereitzustellen. Die Kundgebung wurde innerhalb weniger Stunden von verschiedenen Frauenorganisationen organisiert, die seit Jahren auf strukturelle Lücken im Schweizer Schutzsystem aufmerksam machen.

Der abgelehnte Antrag und die Prioritäten des Parlaments

Der Protest ging direkt auf einen Antrag der SP-Nationalrätin Tamara Funiciello zurück. Sie hatte am Dienstagmorgen gefordert, aus der Budgetreserve des Bundes für 2026 eine Million Franken für Massnahmen gegen Gewalt an Frauen bereitzustellen. Diese Reserve beträgt rund 150 Millionen Franken und kann im Budgetprozess flexibel verteilt werden. Der Nationalrat lehnte den Antrag jedoch ab – während er in derselben Session 10 Millionen Franken für die Vitikultur bewilligte.

Funiciello reagierte mit einer scharf formulierten Rede, die in sozialen Medien breite Aufmerksamkeit erhielt. Sie sagte empört:

„Wir haben Geld für Wein und Kartoffeln, aber nicht fuür die Sicherheit von Frauen. Das ist eine Schande“, Tamara Fiumicello auf Instagram

Ein festgefahrenes Finanzierungssystem

Frauenorganisationen wie Amnesty Schweiz und Brava kritisieren seit Langem, dass die Schweiz trotz der Ratifikation der Istanbul-Konvention zu wenig in Schutz und Praevention investiert. Die Bundesmittel für Gewaltprävention verharren seit 2016 bei rund drei Millionen Franken pro Jahr – eine Summe, die laut Expertinnen kaum ausreicht, um den wachsenden Bedarf zu decken.

Die Eidgenössisches Büro für Gleichstellung (EBG) bestätigt, dass die Mittel nicht genügen, um zentrale Stellen zu sichern. Mehrere Arbeitsstellen der nationalen Kampagne „Gleichstellung verhindert Gewalt“ konnten nicht verlängert werden. Auch die geplante nationale Helpline, eine Anlaufstelle analog zur französischen Nummer 3919, ist bis heute nicht in Betrieb, weil die Finanzierung fehlt.

Lücken im System – besonders bei den verletzlichsten Gruppen

Die diesjährige Kampagne „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“ hat deutlich gezeigt, wie viele Lücken im schweizerischen Prävention- und Schutzsystem bestehen. Besonders Frauen mit Behinderungen, Frauen mit Migrationsgeschichte und jene mit eingeschränkten sprachlichen oder finanziellen Ressourcen sind oft unzureichend geschützt.

In einem Video von Chrigu Imhof, das Lucify.ch vorliegt, sprechen die Aktivistinnen Dominique Hodel und Shasime Osmani ueber ihre persoenlichen Erfahrungen mit Gewalt. Sie weisen darauf hin, dass laut zivilgesellschaftlichen Stellen im Jahr 2024 rund 25 bis 27 Frauen in der Schweiz von ihren Partnern oder Ex-Partnern getötet wurden. Die gemeldeten Fälle von häuslicher Gewalt steigen seit Jahren, während viele Schutzangebote an ihre Grenzen kommen.

Es fehlt an barrierefreien Frauenhäusern, gut ausgebildeten Dolmetschdiensten und Informationen in mehreren Sprachen – Angebote, die in einer vielfältigen Gesellschaft zentral wären. Fachstellen betonen ausserdem, dass viele Schutzstrukturen nicht auf die Realität von Frauen ausgerichtet sind, die in besonders schwierigen Lebenslagen stehen, zum Beispiel in belastenden Familiensituationen oder in starker wirtschaftlicher Abhängigkeit.

Sehr verletzlich sind auch Frauen, die in der Schweiz Schutz suchen und einen prekären Aufenthalts- oder Asylstatus haben. Organisationen wie die Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH) und Brava warnen seit Jahren, dass diese Frauen ein deutlich höheres Risiko tragen, Gewalt zu erleben. Viele zögern, Hilfe zu holen, weil sie Angst haben, dass dies negative Folgen für ihr Bewilligungsverfahren haben könnte. Brava hält fest: „Wir erleben immer wieder, dass geflüchtete Frauen in den Asylzentren geschlechtsbezogene Gewalt erfahren. Es fehlt an Prävention, an Schutzkonzepten und an Information über ihre Rechte.“

Damit jede Frau unabhängig von Sprache, Herkunft oder Bewilligungsstatus geschützt wird, fehlen die Mittel, wie Brava in einer aktuellen Medienmitteilung vom 28. Oktober 2025 schreibt:

„Der Bund und die Kantone müssten eine nachhaltige Gesamtstrategie mit klaren Zuständigkeiten und ausreichenden finanziellen Mitteln verabschieden, damit die in der Istanbul-Konvention festgelegten Schutz- und Unterstützungsrechte auch wirklich umgesetzt werden.”

Auch Brava protestierte gestern Abend auf dem Bundesplatz und in den sozialen Medien mit dem Ausspruch „Wir sind Hassig”.

Stimmen aus der Kundgebung

Am Dienstagabend zeigte sich die Wut vieler Frauen deutlich. Die Journalistin Zahraa Alassadi war vor Ort und dokumentierte die Kundgebung. Dominique Hodel sagte: „Es ist erschütternd, dass der Staat nicht bereit ist, weniger als eine Million Franken für den Schutz von Frauen bereitzustellen“, sagte Dominique Hodel vor den Demonstrierenden. Shasime Osmani ergänzte:

„Keine Frau sollte allein mit Gewalt gelassen werden.“ Shasime Osmani

Auch Tamara Funiciello unterstrich in ihrer Rede, dass der Staat eine rechtliche und moralische Verpflichtung habe, Frauen vor Gewalt zu schützen – und dass die Schweiz diesem Anspruch derzeit nicht gerecht werde.

Im Video weist Funiciello darauf hin, dass Kritiker*innen ihr vorwarfen, das Budget nicht verstanden zu haben. Doch sie liess sich nicht entmutigen und lancierte zusammen mit ihrer Partei und feministischen Orfganisationen einen Appell an den Ständerat, um den Entscheid rückgängig zu machen. Die Organisationen sammelten innerhalb weniger Stunden bereits rund 30’000 Unterschriften, und inzwischen sind es sogar 290’614 Unterschriften. Diese zeigen dem Ständerat deutlich, dass „die Bekämpfung von Gewalt an Frauen und häuslicher Gewalt kein ‹Nice to have›, sondern eine staats- und menschenrechtliche Pflicht ist.“

Die SP-Frauen haben das Thema erneut auf die politische Agenda gebracht, doch das Problem geht weit über Parteigrenzen hinaus. Auch in anderen europäischen Ländern wurden unter rechtskonservativen Regierungen bestimmte Massnahmen gegen Gewalt ausgebaut, wenn auch in kleinem Umfang. So wurde beispielsweise in Italien im Jahr 2025 unter Meloni die endgültige Verabschiedung des Gesetzentwurfs erreicht, der den Straftatbestand des Femizids in das Strafgesetzbuch aufnimmt. Die Schweiz hingegen kommt beim Ausbau der Schutzangebote nur langsam voran, obwohl Frauen dort bereits seit Langem in Regierung und Verwaltung präsent sind.

Ein genauer Blick zu den Nachbarländern zeigt den grossen Abstand bei den Investitionen.

Europa zeigt, wie Fortschritt aussehen kann

Die Debatte geht weit über die Grenzen einzelner Parteien hinaus. Ein Blick auf andere europäische Länder zeigt, dass diese teils deutlich entschlossener handeln. Spanien investiert mit 350 Millionen Euro pro Jahr nicht nur viel mehr, sondern hat ein umfassendes Schutzsystem aufgebaut, zu dem spezialisierte Gerichte, flächen-deckende Beratungsstellen und eine nationale 24-Stunden-Hotline gehören.

Frankreich stellt fast eine halbe Milliarde Euro pro Jahr bereit und hat seine Hotline 3919 wie auch spezialisierte Polizeieinheiten in den letzten Jahren stark ausgebaut. Deutschland wiederum geht mit dem neuen Gewalthilfegesetz einen strukturellen Weg und stellt bis 2036 insgesamt 2.6 Milliarden Euro zur Verfügung.

Die Schweiz bleibt hinter diesen Entwicklungen zurück. Mit drei Millionen Franken pro Jahr – dem niedrigsten Wert im internationalen Vergleich – fehlen stabile Strukturen und langfristige Planungen. Viele Angebote sind kantonal zersplittert oder müssen von NGOs getragen werden, die regelmässig um ihre Finanzierung kämpfen.

Vergleich europäischer Länder zu Gleichstellung und Gewaltprävention

🌍 Land💶 Jährliche Mittel📊 Anteil am BIP⚖️ Gleichstellungs-Index🚨 Gewaltfälle / Jahr (soweit verfügbar)
🇩🇪 Deutschland216 Mio €0.0048 %72256’942 häusl. Gewalt
308 Femizide (2024)
🇫🇷 Frankreich469 Mio €0.0162 %76.1107 Femizide
376 000 häusl. Gewalt (2024)
🇮🇹 Italien55 Mio €0.0028 %70116 Femizide (2024)
🇪🇸 Spanien350 Mio €0.0250 %76.734,684 häusl. Gewalt
41 Femizide (2024)
🇨🇭 Schweiz3 Mio CHF0.00033 %~71 (Schätzung)21’125 – 27 Femizide (2024)
Darstellung der verfügbare Daten aus dem Web (mit links womöglich)

Ein offener Prozess – und ein langer Weg

Die politische Diskussion um zusätzliche Mittel ist noch nicht abgeschlossen. Nach den Protesten hat der Ständerat am 10.12.2025 die zusätzlichen Mittel angenommen und den Ball damit an den Nationalrat zurückgespielt. Selbst wenn der Nationalrat den Antrag nun doch noch gutheissen sollte, wäre eine Million Franken nur ein sehr kleiner erster Schritt. Der Bedarf an Schutz, Prävention und barrierefreien Angeboten ist um ein Vielfaches grösser.

Auf jeden Fall ist es ein erster Erfolg für die Aktivistinnen, der in der ganzen Bevölkerung grosse Resonanz gefunden hat. Die grosse Beteiligung an den spontanen Protesten – online wie offline – zeigt eindrücklich, dass Gleichstellung und der Schutz gewaltbetroffener Frauen zu den zentralen gesellschaftlichen Anliegen unserer Zeit gehören. Doch der Weg zu echter Gleichstellung ist noch lang.

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