Frauen und Krieg: Der weibliche Körper als Grenze patriarchaler Macht.

Der weibliche Körper

Die Gewalt am Körper der Frauen ist kein Kollateralschaden des Krieges, sondern eine Technologie patriarchaler Macht.

Das ist die Übersetzung der Originalversion auf Italienisch. Leggi il testo in italiano.

Seit jeher wurden Kriege nicht nur an den Grenzen zwischen Staaten geführt, noch beschränkten sie sich auf die Schlachtfelder. Seit jeher ist der Körper der Frauen ein Gebiet der Eroberung, ein Ort, an dem Herrschaft ausgeübt wird – im Krieg ebenso wie im Alltag.

Betrachtet man die Geschichte der Gesellschaften aufmerksam, erkennt man, dass jeder Konflikt, jede Schlacht, jede Form von Macht im weiblichen Körper ein Symbol gefunden hat, das kontrolliert, diszipliniert, verletzt und besessen werden sollte.

Um vollständig zu verstehen, was mit „Technologie patriarchaler Macht“ gemeint ist, müssen wir einige Schritte zurückgehen. Patriarchale Religionen und Institutionen haben über Jahrhunderte die Ehre des Mannes auf der Rechtschaffenheit auf die Jungfräulichkeit, die Sittsamkeit und die Sexualität der Frauen aufgebaut und ihren Körper in einen Träger sozialer Bedeutungen verwandelt, die nicht den Frauen selbst gehören, sondern der männlichen Macht, die sie überragt.

Der Körper der Frauen wurde von Männern in ein symbolisches und materielles Schlachtfeld verwandelt: ein „Ort“, an dem kollektive Kontrolle, Bestrafung, Vernichtung und Herrschaft ausgeübt werden. Dies geschieht in bewaffneten Konflikten, aber ebenso in Gesellschaften, die sich als „friedlich“ bezeichnen, in denen der weibliche Körper weiterhin reguliert, beurteilt und besessen wird.

Im Laufe der Zeit wurden vielfältige Methoden als Formen der Kontrolle und Ordnung eingesetzt, um patriarchale Macht zu festigen und vor allem ihre Struktur und ihre auferlegten Regeln zu legitimieren. Zu verstehen, warum Vergewaltigung zu einer strategischen Waffe wurde – insbesondere in Kriegszeiten –, bedeutet, zu diesen tiefen Wurzeln zurückzukehren.

Die fortschreitende Unterwerfung des weiblichen Körpers unter männliche soziale Normen hat ermöglicht, dass sexuelle Gewalt zunächst als unvermeidlicher Kollateralschaden von Konflikten galt und später zu einer eigentlichen militärischen Strategie wurde.

Sozial ihres eigenen Körpers beraubt, wird die Frauen zur mehrfachen Kriegsopferfigur, während sich auf ihrer Haut eine Geografie des Leidens eingeschrieben hat – und weiterhin einschreibt –, die ihresgleichen sucht. Während des Genozids in Ruanda wurden zwischen 250.000 und 500.000 Frauen vergewaltigt; zwischen 1992 und 1995 in Bosnien-Herzegowina zwischen 20.000 und 50.000, viele davon Kinder. In Sierra Leone waren es zwischen 50.000 und 64.000. Und die Liste liesse sich fortsetzen – bis hin zu den heutigen Konflikten (Palästina, Sudan, irakisches und türkisches Kurdistan usw.) –, die zeigen, dass sexuelle Gewalt zu einer Konstante moderner Kriege geworden ist und nicht zu einer Ausnahme. Diese Zahlen sind nicht blosse Statistiken: Sie belegen eine patriarchale Machtstruktur, die Epochen, Kulturen und Kontinente durchzieht.

In jedem Krieg wird der Körper der Frauen Teil einer präzisen Strategie: eine politische Botschaft, eine Trophäe, ein Territorium, das kolonisiert werden soll. Männer, die gegeneinander Krieg führen, benutzen die Körper der Frauen, um Herrschaft zu kommunizieren, Gemeinschaften zu zerstören und die Identität eines Volkes durch die Verletzung seiner Frauen umzuschreiben.

Und wenn die Waffen schweigen, ändert sich die Logik nicht: In Gesellschaften ohne Krieg bleibt der weibliche Körper der Ort, an dem moralische Normen, soziale Kontrolle, Urteile und Strafen verhandelt werden. Belästigung am Arbeitsplatz, häusliche Gewalt, Kontrolle über Sexualität und Reproduktion, Diskriminierung in Machtpositionen, die Darstellung des weiblichen Körpers in den Medien (immer perfekt, jung und begehrenswert), die Maskulinisierung von Frauen in Führungspositionen – all dies sind Ausdruck derselben patriarchalen Logik, die im Krieg in ihrer brutalsten Form explodiert, aber in vermeintlichen Friedenszeiten ihre dominante Struktur beibehält.

Trotz feministischer Kämpfe ist der Körper der Frau auch heute noch symbolisch ein Prüfstein männlicher Macht.

Solange dieses Symbol nicht dekonstruiert wird, wird sich die Gewalt weiter reproduzieren. Die Geschichte zeigt, dass es keinen Frieden ohne Geschlechtergerechtigkeit gibt: Kriege beginnen und enden nicht auf dem Schlachtfeld, sondern im Wandel der sozialen Strukturen, die Ungleichheit normalisieren.

Deshalb ist der Kampf gegen das Patriarchat kein privates Thema, sondern ein politischer, kollektiver Kampf, der die Qualität unserer Demokratie und die Möglichkeit, friedliche Gesellschaften zu schaffen, unmittelbar betrifft. Eine Gesellschaft, die Gewalt gegen Frauen als unvermeidlich akzeptiert, als kulturelles Erbe, das zu tolerieren sei; die kollektive Rechtfertigungen für jede Form von Gewalt gegen Frauen zulässt („sie hat es provoziert“, „sie war freizügig“, „sie hat ihn betrogen“, „sie war betrunken“, „sie hat soziale Regeln verletzt“ usw.); die die Kontrolle über ihre Körper normalisiert und ihre politische, kulturelle und wirtschaftliche Teilhabe einschränkt; die Wahrheiten durch männliche Machtstrukturen vertuscht; die sogar feministische Forderungen nach Freiheit manipuliert, um die Logik patriarchaler Herrschaft zu perpetuieren – eine solche Gesellschaft akzeptiert eine Form von verbreitetem Autoritarismus.

Das Patriarchat gründet auf Hierarchie, Ungleichheit und der Naturalisierung von Gewalt als Regierungsinstrument – und heute sehen wir seine deutlichste Ausprägung auf politischer Ebene. Ihm entgegenzutreten bedeutet, die Wurzeln politischer und sozialer Gewalt selbst zu schwächen. Deshalb braucht es öffentliche Politiken, die geschlechtsspezifische Gewalt als Frage demokratischer Sicherheit anerkennen; Institutionen, die Frauen in alle Entscheidungsprozesse einbeziehen; soziale Bewegungen, die Solidarität zwischen unterschiedlichen Gemeinschaften aufbauen; ein kulturelles Imaginarium, das aufhört, den weiblichen Körper als Symbol, Eigentum oder Trophäe darzustellen, und ihm stattdessen Stimme und Geschichte gibt.

Frieden ist nicht nur die Abwesenheit von Krieg: Er ist der tägliche Aufbau von Beziehungen, die frei von Herrschaft sind. Dieser Aufbau führt unausweichlich über die Befreiung der Körper der Frauen.

In einem Europa, das über seine demokratische Zukunft nachdenkt, in einer Schweiz, die sich den Herausforderungen von Vielfalt, Teilhabe und sozialem Zusammenhalt stellt, in einem Internationaler Politik, dass mit medialem Raum, der die Kämpfe der Frauen für Freiheit und Emanzipation manipuliert, wird dieser Kampf dringlicher denn je.

Die Rechte der Frauen zu verteidigen bedeutet, die Möglichkeit einer solidarischen, pluralen und gewaltfreien Gesellschaft zu verteidigen. Es bedeutet, ein Modell des Zusammenlebens zu wählen, das nicht auf Eroberung beruht, sondern auf gegenseitiger Fürsorge; nicht auf Hierarchie, sondern auf Würde; nicht auf Stärke, sondern auf Gerechtigkeit und Frieden. Vor allem aber auf dem Bewusstsein, dass biologische Vielfalt nicht die Herrschaft eines Geschlechts über das andere bedeutet, sondern Komplementarität.

Dies ist ein politisches und soziales Projekt, das uns alle betrifft. Sich gemeinsam – Frauen und Männer – von den durch Macht auferlegten sozialen Strukturen und Rollen zu befreien, ist die einzige Möglichkeit, die wir haben, die einzige realistische Freiheit.

Villaggio tra Tunisia e Algeria, ALESSANDRA CESARI @2015

Über Alessandra Cesari

Alessandra Cesari C ist Filmvermittlerin, Kuratorin, Sozialfotografin und Projektleiterin. Ihr Schwerpunkt liegt auf gesellschaftspolitischen Themen wie Migration, Arbeitsrechte und Gleichstellung. Sie studierte Politikwissenschaften mit Schwerpunkt Menschenrechte und arbeitete nach einer Fellowship bei der UN-Agentur UNOPS in der Sozialforschung. Anschliessend wandte sie sich der Sozialfotografie sowie dem Dokumentarfilm und Theater zu. Sie kuratierte und begleitete internationale Dokumentarfilmprojekte zu sozialen Fragen und Frauenrechten und ist unter anderem als künstlerische Leiterin des italienischen Dokumentarfilmfestivals „DocumentER“ in der Schweiz tätig. Heute entwickelt sie Projekte im Bereich Film- und Kulturvermittlung und engagiert sich im Fundraising für ein Integrationsprojekt mit geflüchteten Frauen. Sie ist auch Moderatorin der Sendung L’ora italiana beim Radio Lora und Aktivistin bei UNIA.

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