Das Motto des diesjährigen Politfestivals Tour de Lorraine “Bildet Bunte Banden!”, indem beteiligt sich Lucify.ch mit unserem “WE stand UP!” Projekt, brachte mich zu Überlegungen über Solidarität und deren Mangels unter Migrant*innen in der Schweiz. Mein Bericht ist natürlich sehr subjektiv und basiert auf persönlichen Erfahrungen in Integrationsprojekten seit 2018.
Ich lebe nun schon im zweiten Jahrzehnt in der Schweiz. Die Gesellschaft verändert sich und entwickelt sich ständig, und jedes Jahr gibt es neue Umstände und Tendenzen zu beobachten. Doch manche Dinge bleiben unverändert, zum Beispiel das Erfordernis der Integration von Migrationsbevölkerung. Diese Prozesse verlaufen jedoch bei verschiedenen Personen sehr ungleich. Nicht jede(r) integriert sich im gleichen Tempo und mit den gleichen Ergebnissen.
Und obwohl Schweizer Institutionen und Freiwilligenorganisationen ein breites Spektrum an Angeboten zur Unterstützung und Erleichterung der Integration bereitstellen, gibt es dennoch Menschen, die sich überfordert, verloren oder sogar depressiv fühlen, insbesondere diejenigen, die ihr Land nicht freiwillig, sondern aufgrund lebensbedrohlicher Umstände verlassen mussten.
Wenn ich zurückblicke, denke ich über meine ersten Jahre in der Schweiz nach und merke, wie einsam ich mich anfangs gefühlt habe. Das änderte sich, als ich an der Universität immatrikuliert war und einen Freundeskreis mit Gleichgesinnten fand. Mein Mann trug dann auch viel zu meinem Verständnis der lokalen Kultur bei, indem er mir tiefgründige Aspekte der Schweizer Geschichte und Mentalität näherbrachte. Das “i-Tüpfelchen” war die Teilnahme an verschiedenen Vereine, darunter Frauenorganisationen und Freiwilligenarbeit in meiner Gemeinde.
Mir ist auch plötzlich bewusst geworden, dass ich damals keinen Kontakt zu Menschen meiner eigenen Kultur hier gesucht habe, und dafür gab es mehrere Gründe. Der erste Grund war meine natürliche Neugier, Neues zu entdecken und nicht am Bekannten festzuhalten. Ich wollte offen sein für neue Orte, neue Menschen, neue Werte und einen Neuanfang offen sein. Ein weiterer Grund war, dass ich unter den Menschen meiner eigenen Diaspora keine Unterstützung, sondern eher implizit Neid spürte. Manche störten sich an meinen zwei Universitätsabschlüssen, andere an der Geschwindigkeit, mit der ich Sprachen lerne, an meiner Heirat oder an meinem grossen Freundeskreis. Aber seltsamerweise kamen die Leute zu mir, sobald ich es unbemerkt liess und mich auf andere Dinge konzentrierte.
Da ich nun an verschiedenen Projekten mit Flüchtlingen und Migranten arbeite, merke ich oft sehr ähnliche Merkwürdigkeiten. Ist es nicht seltsam, dass die Menschen einander nicht suchen oder sich gegenseitig unterstützen, sondern sich nur auf ihre individuellen Erfolge konzentrieren? Natürlich müssen wir uns alle um Integration bemühen, aber warum vergleichen sich die Menschen miteinander?
Warum wird der Erfolg der Integration einer Person von den anderen manchmal als Zeichen eigenen Misserfolgs wahrgenommen? Vielleicht sollten wir Integration nicht länger als olympische Disziplin betrachten, bei der nur die Stärksten gewinnen.
Dieses wenig motivierende Konzept wurzelt in der kontroversen Theorie des Sozialdarwinismus und eines hohen Individualismus an der Grenze zum Egoismus. Wer glaubt, dass nur die Kräftigsten würden soziale oder finanzielle Vorteile erlangen, und wer glaubt, dass nur die Stärksten soziale oder finanzielle Vorteile erlangen, kann andere ignorieren, aber am Ende ist fast immer allein.
Echte Empathie und menschliche Unterstützung beginnen jedoch dann, wenn wir aufhören, unser Integrationstempo mit dem anderer zu vergleichen und akzeptieren, dass es in Ordnung ist, dass jeder in seinem eigenen Tempo voranschreitet. Sobald wir das begreifen, werden wir den Erfolg anderer nicht mehr als persönliche Beleidigung, sondern als Chance zum Lernen sehen. Auch diejenigen, die ein gewisses Niveau erreicht haben, können Einheit mit anderen empfinden sowie eigene Selbstwichtigkeit und Nützlichkeit für die Gesellschaft geniessen, indem sie anderen helfen, dasselbe sprachliche oder soziale Niveau zu erreichen.
Solidarität ist nichts Schwieriges, sie wird Ihren Erfolg nicht schmälern. Sie wird Ihren Status in keiner Weise gefährden. Im Gegenteil, sie wird Sie durch aktives Mitwirken und gegenseitige Unterstützung sozial und mental stärken.
Diese Gedanken nehme ich mit ins Jahr 2026 und lade euch herzlich ein, den “WE Stand UP!” Workshop und den inklusive Auftritt im Rahmen der „Tour de Lorraine“ am 24. Januar zu besuchen.
Ein Stand-up-Comedy-Workshop findet am 24.01.26 um 16:30 Uhr in Brass Sääli statt.
Offene Bühne für 3-7 Min. Auftritte 24.01.26 um 18:30 Uhr in der Brasserie Lorraine.
Weitere Informationen: Tour de Lorraine


