Der Morgen beginnt mit unerklärlichen Empfindungen – aber auch mit einem stillen, vorsichtigen Glauben an das Gute.
Wenn man früh am Morgen nach draussen geht, die frische Luft einatmet und aufmerksam um sich blickt, ist es, als würde man diesen Morgen umarmen und ihn voller Freude in sich aufnehmen. Sofort erfüllt lauter Vogelgesang die Luft. Er klingt nicht einfach nur – er durchdringt den Raum, geht durch mich hindurch und weckt etwas Lebendiges in meinem Inneren.
Ich schaue mich um – die Welt hat es noch nicht eilig. Und genau darin liegt Frieden. Ich bin in Oberdorf gerade, weil in meiner Heimat keinen Frieden mehr gibt. Hier in Oberdorf befindet sich das Asylheim für die geflüchteten aus der Ukraine. Und wir versuchen unser neues Zuhause hier aufs neu zu finden. Ich spreche von einem Zuhause. Wahrscheinlich, weil ich einfach keins habe. So nenne ich es.
Ich wache jeden Tag um 5 Uhr morgens auf. Ich weiss nicht, was morgen bringt, deshalb betrachte ich jeden Tag als Geschenk. Bevor ich in die Schweiz zog, lebte ich ständig in Angst und Anspannung, ich plante nicht für morgen. Es ist beängstigend. Und all das hindert einen im Allgemeinen daran, in der modernen Welt zu leben. Ich träumte nicht, ich versuchte nur, diesen einen Tag zu überstehen. In Oberdorf hatten mein Sohn und ich in den ersten Monaten grosse Angst vor den Flugzeugen, die oft über unser Haus flogen. Aber ich redete mir ein, dass diese Flugzeuge mich beschützten, und daran glaube ich heute noch, denn nichts kann diese schrecklichen Gefühle auslöschen. Und jetzt ist ein neuer Tag für mich der Morgen, an dem ich die nächsten Pläne schmieden kann, inspiriert von der Umgebung, den sehr freundlichen Einheimischen, inspiriert von der Natur. Das ist die Art von Erlebnissen, die ich teilen möchte.
Gerade in solchen Momenten beginnt man die Gedanken von Rudolf Steiner besonders tief zu verstehen – jenes Philosophen und Pädagogen, der an die untrennbare Verbindung zwischen Mensch, Natur und innerer Welt glaubte. Er schrieb:
„Die ganze Natur beginnt, uns ihre Geheimnisse durch ihre Klänge zuzuflüstern.“
Rudolf Steiner
In mir entsteht ein warmes Gefühl, das mich dazu bewegt weiterzugehen, damit ich diesen erstaunlichen Zustand nicht verliere. Wie lebendige Musik begleitet mich der Weg zum geliebten Fluss, wo das Zwitschern der Vögel fast im mächtigen Rauschen der Strömung untergeht. Ja, es war ein gewaltiger Wasserstrom, der trotz aller Hindernisse weiterfloss, und ich versuche, diesen Augenblick festzuhalten – ihn genauer zu betrachten, seine Kraft zu spüren, die mich von innen erfüllt.
Wie im Leben ist auch das nur ein Moment – einer, den man wenigstens in Gedanken festhalten möchte, um zu verstehen, worin seine Stärke liegt. Ich frage mich: Wie war das alles wohl vor hundert Jahren, und warum sind die Worte Steiners, der damals lebte, bis heute so aktuell? Hat sich in der Natur wirklich nichts verändert?
Doch, vieles hat sich verändert. In der Ferne sehe ich einen Baum, den ich mit meinen Armen niemals ganz umfassen könnte. Er hat standgehalten. Aber wie? Der Baum kämpfte nicht gegen den Wind – er lernte, ihn auszuhalten. Seine Kraft lebte in den Wurzeln – tief wie die Erinnerung der Erde.
„Um in die Wahrheit der Natur einzudringen, muss der Mensch zuerst die Wahrheit in sich selbst erwecken“ schrieb Rudolf Steiner.
Ja, die Natur weckt uns auf, bringt uns zum Nachdenken und dazu, unseren Geist zu entwickeln, an uns selbst zu arbeiten, um unsere eigene Kraft zu verstehen.
In mir entsteht das Gefühl von etwas Unbekanntem, noch nicht ganz Verstandenem, und gleichzeitig wächst die sichere Erkenntnis darüber, wie mächtig unsere Verbindung zur Natur ist. Ich verstehe mich selbst noch nicht vollständig, aber jeden Tag lerne ich, aufmerksamer auf mich zu hören und die Welt tiefer zu fühlen. Denn um weiterzugehen, muss man bei sich selbst beginnen.
Genau darüber sprach der Philosoph. Seine Gedanken haben auch heute nichts von ihrer Kraft verloren, denn sie erinnern uns daran: Der Mensch ist nicht von der Natur getrennt – wir sind Teil eines einzigen lebendigen Systems. Und nur in der Harmonie von Körper, Seele und Geist kann man sich wirklich lebendig fühlen.
Doch das Leben geht weiter, wie das Wasser, das sich unaufhörlich seinen Weg zwischen den Steinen bahnt – Steine, die es nicht aufhalten, sondern nur seine Richtung verändern. Von den Bergen herabfliessend zieht es weiter zum See, um ihm alles zu geben und sich in seiner Tiefe aufzulösen.
Ich möchte mich noch enger mit der Natur verbinden, schneller verstehen, wie sie von innen heraus ist. Ich schaute mich um und bemerkte etwas Besonderes: Die Natur am Fluss scheint noch zu schlafen. Die Blumen sind vor der Kühle geschlossen und warten vermutlich auf die Berührung der Wärme. Jetzt waschen sie sich im Tau. Wenn die Sonne aufgeht, werden sie sich ihr zuwenden und ihre Blütenblätter öffnen, Schönheit und Jugend verschenken. Und ihre Liebe – den Nektar – geben sie den Insekten und Hummeln, die um sie kreisen, ihnen etwas zuflüstern, sie sanft berühren, als würden sie sie zärtlich küssen.
„Um die Welt wirklich zu erkennen, blicke tief in dich selbst; um dich selbst zu erkennen, interessiere dich aufrichtig für die Welt.“
Ich fühle mich als untrennbarer Teil der Natur. Es gibt jemanden, von dem man lernen kann. Ja, das verleiht Flügel und schenkt das Gefühl, ein kleiner Teil eines gewaltigen Systems zu sein.
Ich gehe zurück und höre wieder den Gesang der Vögel. Dieselben Stimmen wie am Morgen. Doch jetzt klingen sie anders – als wären sie nicht nur um mich herum, sondern auch in mir selbst.
Ich habe verstanden: Man muss stark sein wie die Strömung, selbst wenn Hindernisse im Weg stehen; standhaft wie jener Baum; sich öffnen wie eine Blume in der Wärme und mit voller Kraft leben – das Leben lieben und fühlen, das die Natur schenkt.
Ich gehe nach Hause.
Ich kehre zurück zu meinem neuen Zuhause, in Oberdorf mit einer neuen Kraft in mir.
Ich trage diese innere Fülle in mir. Und ich möchte sie mit anderen teilen. Mit allen anderen Ukrainer*innen mit welchen ich im Moment zusammen wohnen muss. Nicht mit Worten, sondern mit einem Zustand. Zeigen, wie es ist, innezuhalten, zu fühlen, tiefer zu atmen. Wie die Natur lehrt, lebendig und echt zu sein.
Und darin liegt nichts Überflüssiges. Nur das Leben – so, wie es ist.
Und selbst heute, viele Jahre nach dem Leben Rudolf Steiners, lebt seine Philosophie weiter – in den Kindern, denen beigebracht wird, die Welt nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit dem Herzen zu sehen. In Waldorfschulen auf der ganzen Welt lernen Kinder, kreativ zu denken, die Verbindung zur Natur zu spüren, ihre eigenen Stärken zu entdecken und Seele, Körper und Geist harmonisch zu entwickeln. Und vielleicht liegt genau darin die Fortsetzung jeder echten Idee: dass sie nicht verschwindet, sondern in neuen Generationen weiterwächst.
Nicht umsonst schrieb er:
„Wie weit wir uns auch von der Natur entfernen mögen – wir fühlen dennoch, dass wir zu ihr gehören.“

