22. November – Das MAXIM Theater Zürich präsentierte seine neueste Arbeit, eine Produktion, die aus einer intensiven Forschungsarbeit hervorgegangen ist und sich in einem kreativen Prozess von drei Phasen entfaltet hat.
Von Februar 2025 bis Mitte November begab sich das Ensemble des MAXIM in drei Etappen auf eine künstlerische Reise der Entdeckung und persönlichen Forschung. Gemeinsam mit den Autor:innen Ivna Žić und Usama Al Shahmani nahm die Gruppe ihren Ausgangspunkt in der Lektüre von Al Shahmanis Roman und setzte sich intensiv mit Themen wie Erinnerung, Gesellschaft und Vergessen auseinander. Von Frühling bis Spätsommer, standen Improvisation, körperliche Arbeit und kollektive Diskussionen im Zentrum der Produktion – Werkzeuge des Theaters, um zu erforschen, wie Erinnerungen sich körperlich manifestieren, Menschen prägen und künstlerisch greifbar gemacht werden können.
Die Umsetzung der künstlerischen und ästhetischen Forschung aus den ersten beiden Phasen mündete schliesslich in ein Werk, das lebendig, vielschichtig, pulsierend und facettenreich ist – eine Inszenierung, die jede und jeden von uns anspricht. Wie stets verstand es das Ensemble des MAXIM, eine dramaturgische Erzählung zu entwickeln, die keineswegs naheliegend ist, sondern voller bewegender Momente, die zum Nachdenken anregen.
Eine theatrale Reise in die Erinnerung, die uns alle betrifft
Was ist eine Erinnerung? Ein Schatten, der uns festhält, oder ein Begleiter, der uns führt? „Der Vogel zweifelt nicht an dem Ort, zu dem er fliegt“, ein Werk von Usama Al Shahmani und Ivna Žić unter der Regie von Nele Jahnke, stellt diese universelle Frage mit einer poetischen Kraft, die das Publikum vom ersten Augenblick an ergreift. Im Zentrum der Geschichte steht Dafer, ein Mann, der Schach mit sich selbst spielt – einem Selbst, das heute nicht mehr jenes von gestern ist, aber jeder Zug öffnet ein Tor. Die Vergangenheit taucht auf, die Gegenwart bricht auf, die Zukunft wird erahnt, ja imaginiert.
Die Partie wird zur Metapher eines Lebens zwischen zwei Welten, die kaum miteinander vereinbar scheinen: die schweizerische Alltagsrealität, geordnet, scheinbar perfekt, linear, von festen Regeln und Zeiten bestimmt – und der innere Strom der Erinnerungen, der den Protagonisten wie ein Sturm überrollt, ihn erschüttert und Gehör verlangt. Dafer ist Iraker, er ist Geflüchteter. Er lernt, Deutsch zu lernen – um Türen zu neuen Möglichkeiten des Lebens zu öffnen, um Begegnungen mit der Gesellschaft von heute zu ermöglichen, aber auch mit seiner eigenen Geschichte. Denn Sprache ist ein Instrument des Überlebens und der Transformation.

Ein Geflecht aus roten Fäden, entlang derer die Erinnerung läuft
Durch ein Netz aus Erinnerungen und Gegenwart, das sich über die roten Fäden spannt, wird jede Figur, die die Bühne betritt, Teil derselben Szene: Familien und Lebensbeziehungen, Fragmente der Erinnerung, Symbole des Wandels, Spiegelungen eines inneren und äusseren Weges. Die Inszenierung spielt mit Zeit und Raum, verwebt Dialoge und Stille, überlagert Sprachen und Musik und erschafft ein offenes narratives Gewebe, das Raum für unterschiedliche Perspektiven und Emotionen lässt.
Jahnkes Regie ist vibrierend, rauschhaft in ihrer Erzählweise, überwältigend und niemals vorhersehbar. Sie wird bereichert durch die musikalische Poetik von Hans-Jakob Mühletaler, die essenziellen, präzisen Bühnenbilder und die ikonischen Kostüme von Liv Senn. In diesem schwebenden Raum verwandelt sich die Bühne mit intensiver Leichtigkeit in einen Ort, an dem Erinnerung zur gemeinsamen Erfahrung wird – und das Ensemble des MAXIM Theater bewegt sich darin mit scharfer Meisterschaft und fesselt das Publikum.
Interview mit Claudia Flütsch – Produktionsleitung und Co-Künstlerische & Co-Geschäftsleitung MAXIM Theater
Ein Theater, das bewegt und befragt
Zwischen Worten, Musik und Stille findet sich das Publikum in einer Reise wieder, die nicht nur Dafer gehört, sondern uns allen. Denn früher oder später stellen wir uns unseren Erinnerungen, unserem Erlebten, verarbeiten Situationen, Momente von Freude und Schmerz, verwandeln sie, nutzen sie, um die Zukunft zu imaginieren – und oft, um zu verstehen, was von diesem Erlebten bleibt, von jenen Splittern der Vergangenheit, die unkontrolliert wieder auftauchen. Was haben wir gelernt? Was tragen wir mit uns auf unserem Weg?
Der Vogel zweifelt nicht an dem Ort, zu dem er fliegt erzählt nicht nur eine Geschichte: Es lädt uns ein, über das Wesen der Erinnerung selbst nachzudenken, über ihre Fähigkeit, Gestalt zu wandeln und uns zu leiten. Was wir erleben, ist ein Theater, das befragt, das bewegt, das uns daran erinnert, dass Erinnerungen niemals neutral sind. Sie scheinen zu kommen und zu gehen, wie sie wollen – doch das ist nicht so. Sie sind da, tauchen verändert durch die vergangenen Tage wieder auf, bringen ihre Botschaften, fordern uns heraus, begleiten uns stets und erinnern uns daran, wer wir heute sind – auch dank jener „Gestern“.
Warum sollte man das Stück sehen?
Weil es eine Erfahrung ist, die über das Theater hinausgeht: eine Einladung, in uns hineinzublicken, die Kraft der Erinnerungen zu erkennen und ihre Fähigkeit, unsere Lebensweise zu verwandeln. Und zugleich, wie die Ereignisse, die wir erleben, die Erinnerungen verändern – uns ihre Stärke und die Fundamente dessen, wer wir im heute sind, erkennen lassen. Ein intensives, überwältigendes, poetisches und notwendiges Werk.
Daten
22. November 2025 um 19:30 Uhr – Première
23. November 2025 um 18:00 Uhr – SOLD OUT
04. Dezember 2025 um 19:30 Uhr
05. Dezember 2025 um 19:30 Uhr
07. Dezember 2025 um 18:00 Uhr
28. Januar 2026 um 19:30 Uhr
30. Januar 2026 um 19:30 Uhr
01. Februar 2026 um 18:00 Uhr
Eintritt 25.-/15.- (ermässigt)
Reservationen können per E-Mail an buero@maximtheater.ch oder telefonisch unter +41 43 317 16 27 vorgenommen werden.
Spiel und Ideen: Umut Dogan, Xus García, Gabi Mengel, Amowie Oreoghene, Manuela Oswald, Viktoriya Panina, Barbara Serfoezoe, Kurt Spiess, Lupita Valverde, Manuel Zuber
Regie: Nele Jahnke
Musikalische Leitung: Hans-Jakob Mühlethaler
Bühne & Kostüme: Liv Senn
Ensemble Coach: Réka Kókai
Regieassistenz: Gaia Arellano Reynoso
Licht: Yahya Hazrouka
Grafik: Emanuele Coco
Produktionsleitung: Claudia Flütsch
Produktionsassistenz: Fränzi Thürer
Projekt Admin: Laura Bellwald-Steiner
Die Phasen 1 und 2 dieser MAXIM Theater Produktion sind unterstützt durch Migros Engagement
https://www.maximtheater.ch/produktionen-1/der-vogel-zweifelt-nicht-am-ort-zu-dem-er-fliegt/










Fotos Alessandra Cesari

