Der Gewinn des Gesundheitswesens liegt in der Lebensqualität – eine Stimme aus dem Pflege-Kampf

Am Samstag fand auf dem Bundesplatz in Bern eine Kundgebung des Gesundheitspersonals statt. Mehrere Gewerkschaften und Berufsorganisationen machten auf die Entwicklungen im Schweizer Gesundheitswesen aufmerksam und forderten eine vollständige Umsetzung der Pflegeinitiative. Vier Jahre nach deren Annahme sehen viele Akteur*innen weiterhin grundlegende Probleme in der Finanzierung und bei den Arbeitsbedingungen.

Die Pflegeinitiative wurde 2021 von Stimmbevölkern und Kantonen angenommen und in zwei Etappen unterteilt. Der erste Teil ist am 1. Juli 2024 in Kraft getreten und beinhaltet eine Ausbildungsoffensive sowie die Möglichkeit, dass diplomierte Pflegefachpersonen bestimmte Leistungen direkt abrechnen können.

Der zweite Teil – der konkrete Verbesserungen der Arbeitsbedingungen vorsieht – befindet sich weiterhin im parlamentarischen Verfahren. Der Bundesrat hat den Gesetzesentwurf erst im Mai 2025 ans Parlament überwiesen. Gewerkschaften kritisieren Verzögerungen und als unzureichend wahrgenommene Massnahmen.

Auf der Demonstration haben wir mit Elina gesprochen, einer ehemaligen diplomierten Pflegefachfrau, die viele Jahre im Bereich gearbeitet hat. Sie hat den Beruf verlassen, ist aber weiterhin im Bereich Pflege und in Gewerkschaften aktiv.

«Ich habe viele Jahre in der Pflege in privaten geriatrischen Institutionen gearbeitet… Aber ich habe vor allem aufgehört, weil ich gesehen habe, dass sich die Arbeitsbedingungen in naher Zukunft nicht ändern würden.»

Die Stimme einer Pflegearbeiterin

Elina erzählt, dass sie trotz Berufsaufgabe weiterkämpft: Sie ist aktiv «in der Arbeitsgruppe Gesundheit und auch in der Frauengruppe, weil ich finde, dass diese beiden Themen sehr miteinander verbunden sind».

Ihre Motivation ist klar: «Ich demonstriere, weil ich die Hoffnung nicht verloren habe, weil ich finde, dass die Gesundheit etwas ist, das alle Menschen betrifft, die in der Schweiz leben.»

Aber ihre persönliche Erfahrung zeigt auch die Entmenschlichung der Pflegearbeit:

«Wir haben ein sehr grosses Problem, unsere Patientinnen und Patienten nicht mehr wie Menschen behandeln zu können, unsere Arbeit nicht mehr so zu machen, wie wir es gelernt haben und wie wir es gerne tun würden.»

Interview mit der Pflegefachfrau Elina

Das strukturelle Problem

Für sie beginnt alles mit einer falschen Grundannahme: «Das Gesundheitswesen ist ein sozialer Dienst, der heute wie eine Industrie behandelt wird. In der Industrie kann man mehr Maschinen in einer Stunde produzieren, aber in der Pflege ist es nicht möglich, mehr Menschen in einer Stunde zu behandeln.»

Sie fügt hinzu:

«Das System sieht vor, dass du in fünf Minuten das machst und dafür wirst du bezahlt. Wir sprechen hier von Menschen, nicht von Dingen.»

Die bisherigen Änderungen reichen nicht aus: «Sie haben die Initiative in verschiedene Pakete aufgeteilt… Wir wissen, dass das nicht genug ist. Wir brauchen Verbesserungen unserer Arbeitsbedingungen.»

Zu den klarsten Forderungen gehören: «Arbeitszeitverkürzung, Lohn, Respekt für unsere Ruhezeiten.»

Personen mit ausländischen Diplomen in der Pflege

Das Schweizer Gesundheitswesen stützt sich auf Menschen mit Migrationshintergrund. Laut Daten des Bundes im 2024 wurde rund ein Drittel der diplomierten Pflegefachkräfte in Schweizer Spitälern im Ausland ausgebildet. Studien wie ACSRM zeigen, dass zwischen 30 % und 40 % des Pflegepersonals in der Schweiz eine Migrationsbiografie hat.

Diese Zahlen zeigen, dass ein wesentlicher Teil des Systems von migrantischer Arbeit getragen wird. Elina weiss das genau und sagt:

«Die meisten, die dort arbeiten, sind Migrantinnen und Migranten. Ohne sie würde das ganze System nicht funktionieren.»

Aber diese Tatsache erschwert den Kampf:

«Die Leute haben mehr Angst, kennen das Gesetz und ihre Rechte weniger. Und viele dürfen nicht wählen, deshalb fragen sie sich, warum sie kämpfen sollen, wenn am Ende alles durch eine Abstimmung entschieden wird, in der ich keine Stimme habe.»

Und für viele, die im Ausland ausgebildet wurden, ist die Anerkennung ein Hindernis:

«Die Diplome aus dem Ausland werden hier nicht anerkannt. Das ist eine Form, den Lohn nach unten zu drücken.»

Das Ergebnis ist eine ganze Gruppe qualifizierter Arbeitskräfte, die schlechter bezahlt werden:

«Du musst qualifiziert sein und fähig, aber du musst wenig kosten.»

Elina über Migration und Pflege

Das Problem liegt darin, wie wir über Gesundheit denken.

Elina warnt auch vor einem privatwirtschaftlichen Modell: «Viele Institutionen sind börsenkotiert und bringen den Aktionären grosse Gewinne. Ich habe grosse Zweifel, dass das beste System ist.»

Und sie fordert einen kulturellen Wandel: «Man muss erkennen, dass Gesundheit wie Bildung ein Dienst ist, und mit Dienstleistungen kann man keinen Gewinn machen.»

Für sie ist Gesundheit ein Gemeingut, messbar in der Lebensqualität:

«Der Gewinn zeigt sich, wenn du ihn brauchst… Der Gewinn ist die Lebensqualität.»

Elina über die Arbeitbedingungen und die Bedeutung eines starken Pflegepersonals.

Was erreicht wurde – und was fehlt

Im Jahr 2021 hat die Pflegeinitiative den dringenden Bedarf des Pflegepersonals klar gezeigt und wurde vom Volk angenommen: «Wir hatten das Glück, die Initiative zu gewinnen, aber jetzt beginnt der Kampf.»

Das Hindernis ist nun aber die Umsetzung:

«Sie haben die Initiative in verschiedene Pakete aufgeteilt… Aber wir wissen, dass das nicht reicht. Wir brauchen Verbesserungen der Arbeitsbedingungen.»

Der zweite Teil – die Arbeitsbedingungen – ist nach vier Jahren immer noch im Parlament. Gewerkschaften sagen, dass in dem aktuellen Gesetzesentwurf fehlen verbindliche Personalstandards und eine ausreichende Finanzierung für die Umsetzung.

Darum ist das Pflegepersonal auf die Strasse gegangen: um eine vollständige und verbindliche Umsetzung zu fordern.

Für Elina ist das Engagement der Arbeiter zentral. Sie glaubt an Veränderung von unten: «Es braucht eine Basisorganisation, konkret, dass die Leute beitreten und Mitglied werden.»

Und sie sieht einen historischen Wandel in einem Sektor, der historische von Männern und nationale Stolz geprägt war:

“Zur Gewerkschaft nähern sich sehr viele Frauen und viele Migranten an, was eine sehr wichtige Veränderung ist.”

Beitrag von Perla Ciommi und Erika Bartolano

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.