Über Swissness, Umarmungen und die Ordnung nach dem Abspann
Der Kinospielfilm «Hallo Betty» wurde im Dezember 2025 im Cineclub Bern im Rahmen eines Parlamentarieranlasses gezeigt. Diese jährlich vom Kinoverband Procinema ausgerichtete Veranstaltung dient dem Austausch zwischen Kinobranche und Politik und war dieses Jahr natürlich auch ein politisches Instrument, um die Parlamentarierinnen von der Wichtigkeit einer starken SRG zu überzeugen und das Nein zur Halbierungsinitiative zu begründen: Denn die SRG ist ein essenzieller Finanzierungspartner des unabhängigen Schweizer Films.
Bevor dieser Text beginnt: NEIN zur Halbierungsinitiative. Nicht aus Höflichkeit. Aus Notwehr. Redet darüber. Mischt euch ein. Über Parteigrenzen hinweg, am Familientisch, im Büro, im Zug. Ein JA wäre kein Sparprogramm, sondern ein Eingriff ins Nervensystem: Film, TV, Radio, Online-News. Und wenn schon der Mainstream wackelt, dann kippen die Stimmen, die heute bereits kaum gehört werden, als erste aus dem Bild. Nicht irgendwann. Jetzt.
Schweizer Film als Angebot, nicht als Reibung
«Hallo Betty» kam nicht als Reibung in den Raum, sondern als Angebot: Noch bevor überhaupt über Inhalte gesprochen wurde, war die Atmosphäre gesetzt. Auf der Bühne moderierte Kinobetreiberin Edna Eppelbaum eine erfolgreiche Produktionsfirma an, die bereits Filme produziert habe, welche die nationale Identität der Schweiz gefestigt hätten (wie Schellen-Ursli), und stellte vier Männer als Verkörperung des Versprechens „Swissness pur!“ vor: nationale Lesbarkeit, Teamgeist, Erfolg. Vier Körper. Vier Stimmen. Vier Deutungshoheiten: Autor, Regisseur, Produzent, Komponist. Man hätte noch den fünften und sechsten Mann im Bunde nennen können – den Kameramann, den Sounddesigner usw. Frauen wurden bei diesem Film lediglich in den traditionell weiblichen Departements besetzt: im Casting, bei Kostüm, Bühnenbild und Make-up – sowie im Schnitt, wo Frauen paritätisch vertreten sind.

Wer kennt sie nicht – die Rezepte von Betty Bossi?
«Hallo Betty» will die Geschichte von Emmi Creola erzählen, die in der Schweiz zur prägenden Figur hinter der Marke Betty Bossi wurde. Ausgehend von einer Rahmenhandlung in der Gegenwart, in der eine junge Journalistin Emmi Creola zu ihrem Leben befragt, blickt der Film zurück auf ihren Weg in einer männlich dominierten Arbeitswelt: auf ihre Rolle als Mutter, ihre beruflichen Ambitionen und die Entstehung eines neuen Magazins in den Fünfzigerjahren, das Kochen und Konsumkultur in eine moderne Erfolgserzählung übersetzt. Im Verlauf der Handlung bewegt sich Creola zwischen familiären Erwartungen, beruflicher Verantwortung und dem Aufbau eines Projekts, das sie sichtbar macht – bevor die Geschichte am Ende wieder in die Gegenwart zurückkehrt und ihre Bewegung symbolisch begrenzt wird.

Zuerst das Team. Danach der Stoff.
Die erste Frage in der anschliessenden Diskussion kam von der Moderatorin und traf nicht den Film, sondern seine Entstehung: „Wie sind Sie zu diesem Stoff gekommen?“ Die Antwort des Regisseurs fiel ruhig und selbstverständlich aus. Man habe bei Platzspitzbaby so gut und erfolgreich zusammengearbeitet, dass man wieder gemeinsam einen Film habe machen wollen. Im tollen Team. Und mit Sarah Spale als Hauptdarstellerin. Der Stoff kam danach.
Das ist kein Skandal, sondern eine Methode. In der Schweizer Filmproduktion wird Zusammenarbeit gerne als Qualität erzählt – und sie ist es oft auch. Aber in diesem Moment wurde sichtbar, wie schnell „gutes Team“ zur Begründung wird: nicht nur für einen Film, sondern für seine Struktur, seine Setzungen, seine blinden Flecken. Wenn der Stoff nach dem Team kommt, bleibt die Frage offen, welche Geschichten überhaupt gesucht werden – und welche nur dann entstehen dürfen, wenn sie in vertraute Produktionszusammenhänge passen.
Susanne Wille, Generaldirektorin der SRG, erzählte zur Einleitung eine sympathische Anekdote zur „Marktrecherche“ des Produzenten Peter Reichenbach: Am Wochenmarkt hätten ihm Leute gesagt: „Mol, einen Film über Betty Bossi würde ich im Kino schauen gehen!“ Dies, so Wille, sei überzeugend gewesen. Es scheint also, als wäre – auch dank eines starken Promotionspartners – Coop, der die Marke Betty Bossi erfolgreich für Convenience vertreibt, dessen Betty-Bossi-Magazin rund 1,5 Millionen Lesende pro Ausgabe erreicht, der Erfolg gesetzt. Weitere gute Zutaten sind die in der Schweiz sehr beliebte Darstellerin Sarah Spale (Platzspitzbaby, Wilder). Eine Schweizer Mode-Influencerin, die die junge Journalistin spielt, komplettiert das Package und überführt es in die Gegenwart.
Swissness nicht als Herkunft. Sondern als Temperatur.
Nach dem Abspann folgte, was zu diesem Rahmen gehört: Umarmungen. Crew, SRG, Apérohäppchen, Geldgebende, Prosecco, Politikerinnen aller Parteien. Der Raum war warm, der Moment rund. Diese Wärme ist nicht bloss ein Nebengeräusch, sie ist Teil der kulturellen Funktion, die der Film hier erfüllt. «Hallo Betty» zirkuliert reibungslos. Er passt. Er wärmt.
Swissness ist in diesem Setting keine Herkunft, sondern eine Temperatur. Dabei erzählt der Film durchaus von feministischen Motiven: von weiblicher Unsichtbarmachung, von kreativem Zugriff, von männlich dominierten Entscheidungsräumen. Er zeigt eine Frau, die sich behauptet, Verantwortung übernimmt, einen Weg findet. Und doch bleibt etwas auffällig stabil: die Produktionsrealität hinter dem Bild. Kein weiblich verantwortetes Drehbuch, keine Frau als Head of Department in Regie oder Produktion – an den Schlüsselpositionen, an denen inhaltliche Entscheide fallen. Das ist keine Fussnote, sondern die Struktur, in der solche Stoffe entstehen. Feministische Inhalte lassen sich erzählen, ohne dass sich die Bedingungen des Erzählens verändern. Nicht aus Bosheit. Aus Gewohnheit.

Wer mit wem reden darf, worüber geredet wird
Auch in der Dramaturgie selbst ist diese Gewohnheit lesbar. Im ersten Akt spricht die Hauptfigur fast ausschliesslich mit Männern: mit Vorgesetzten, Entscheidern, Konkurrenten, dem Ehemann. Sie spricht auch mit ihren Kindern, aber diese Gespräche gehören zur Care-Arbeit, nicht zur Sprache von Ambition, Strategie oder Recherche. Frauen erscheinen lange nicht als Gesprächspartnerinnen für Denken im öffentlichen Sinn. Erst spät – als Rezepte gesammelt werden und als Redakteurin des neuen Betty-Bossi-Magazins gearbeitet wird – entstehen Dialoge unter Frauen, die nicht über Männer laufen. Doch auch dieser Raum ist konditioniert. Denn der Austausch unter Frauen entsteht nicht über Journalismus, PR-Arbeit, Recherche oder Verantwortung, sondern über Kochen. Dass diese Gespräche im Kontext redaktioneller Arbeit stattfinden, ändert wenig: Nicht wie gearbeitet wird, interessiert, sondern worüber. Kochen wird zum Interface, über das weibliche Kommunikation legitimiert wird. Alles andere bleibt implizit, privat oder ironisch. Selbst die Recherche wird zur Pointe: Die kluge Strategie der historischen Emmi Creola, wie sie den einprägsamen Namen Betty Bossi fand, wird zum billigen Lacher in einer Szene, in der ihr Finger über das Westschweizer Telefonbuch streift und scheinbar wahllos hängen bleibt.
Integration als Übersetzung ins Marktfähige
Die Logik der Ordnung zeigt sich nicht nur im Geschlechterbild, sondern auch darin, wie der Film mit Herkunft und Arbeit umgeht. Der Geschmack, der das Projekt trägt, kommt nicht aus dem bürgerlichen Zuhause, sondern aus einem Restaurant italienischer Einwanderer ohne Aufenthaltserlaubnis. Zunächst wird der – als naiv und vereinnahmend interpretierten – Emmi Creola der Zugang zu den Rezepten verwehrt, dann wird verhandelt: Werbung gegen Rezepte, Sichtbarkeit gegen Geschmack. Der Deal funktioniert. Schweizer Kundschaft kommt in das schwach besuchte Restaurant. Später rettet eine heldenhafte Tat der Film-Emmi das Team vor einer Kontrolle der Einwanderungsbehörde. Die moralische Bilanz ist ausgeglichen. Die Übernahme der Rezepte ist mehr als zur Genüge abgegolten.
Die Trattoria-Köchin darf „aufsteigen“: in die Betty-Bossi-Experimentierküche, wo Bossi dann nur noch kostet und autorisiert. So entsteht ein Bild von „Integration“, das nicht stört. Es gibt Aufstieg, es gibt Anerkennung, es gibt sogar Rettung von Ausländer:innen. Aber die Bedingungen verschwinden. Der Geschmack bleibt, die Abhängigkeit wird unsichtbar gemacht. Erfahrungswissen wird in ein System überführt, das es marktfähig macht – und damit kontrollierbar. Genau hier kippt die Erzählung endgültig in die Schweizer Erfolgsgeschichte.
„Betty Bossi“ ist nicht einfach eine Figur oder eine nostalgische Marke, sondern ein umsatzstarkes System: eingebettet in die Logik eines marktbeherrschenden Grossverteilers wie Coop. Emmi Creolas im Film inszenierte Emanzipation erscheint dadurch auch als perfekte Anpassung. Sie half damals dem Speiseölhersteller Astra, der zu Unilever Gruppe gehörte, eine weibliche Zielgruppe zu erreichen – jene, die einkauft. Nach amerikanischem Vorbild. Kreativität wird nicht befreit, sie wird skaliert.
Männer verwalten Räume, Frauen konkurrieren
«Hallo Betty» erzählt keine Befreiungsgeschichte, sondern eine Erfolgsgeschichte des Schweizer Kapitalismus: eine, in der weibliche Arbeit sichtbar wird und sich gegen diverse Formen der Diskriminierung trotz vieler Hindernisse und gegen gemeine Widersacher behauptet – solange sie die Ordnung nicht gefährdet. Diese Ordnung zeigt sich auch in den Beziehungen zwischen Frauen. Frauen sind im Film sichtbar, kompetent, engagiert – aber selten solidarisch. Sie erscheinen als parallele Einzelpositionen, oft als Konkurrentinnen. Das ist eine bekannte Dramaturgie. Sie entlastet Strukturen. Denn wenn Frauen sich gegenseitig im Weg stehen, muss niemand erklären, wer den Raum eigentlich verwaltet.
Erzählform der Beruhigung
Der Schluss setzt die Logik der Verwaltung als Pointe. Die Geschichte beginnt in der Gegenwart: Eine sehr junge Journalistin trifft Emmi Creola, fragt nach Leben, Weg, Erfolg. Creola erzählt. Am Ende wird Emmi Creola zurückgebracht: ins Altersheim, von ihrer Tochter. Sie sei ausgebrochen, gibt sie der beeindruckten Journalistin zu verstehen. Die Tochter wird von derselben Schauspielerin gespielt wie Emmi Creola selbst. Vergangenheit und Gegenwart fallen ineinander. Die Frau, die einst ging, führt sich selbst zurück.
Das Altersheim ist keine Nebenbemerkung. Es ist die Erzählform der Beruhigung. Bewegung wird relativiert, Autonomie befristet. Sie war draussen – aber nicht zu lange. Sie hat gehandelt – aber nur vorübergehend. Geschichte abgeschlossen. Der Film bringt seine Figur zurück, damit der Konsens hält.
Realität: zu souverän für die Dramaturgie
In den Reden wurde auch die präzise Recherche des Filmes gelobt. In mehrern SRF Interviews erzählte Emmi Creola ihre Geschichte souverän, selbstbewusst, zuletzt 2004 als 92-jährige. Sie lebte da auch noch eigenständig. In Magazinberichten, geschrieben basierend auf Interviews mit ihrer Tochter, werden weitere Anekdoten, die im Film vorkommen, als Fiktion bzw. „dramatische Zuspitzung“ identifizierbar. Als Berufstätige in der Werbung hatte Emmi Creola immer ein Kindermädchen – und einen Mann, der sich nicht vom höheren Einkommen seiner Frau bedroht fühlte und selbstverständlich täglich den Abwasch übernahm. Etwas, das Drehbuchautor André Küttel der Film-Emmi nicht gönnte: Dort ist ein fortwährender Konflikt der Unwille und die Unfähigkeit des Ehemanns, sich am Haushalt zu beteiligen, und sie muss erfolglos um ein Kindermädchen kämpfen.
Ironischerweise sorgten diese Szenen für viel Gelächter und Zustimmung bei den älteren Semestern im Kinosaal. Ist es die nostalgische Erinnerung an ihre eigenen Männer, als sie noch jung waren, die sie so erheiterte? Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, wie feministisch ein Film erzählt ist. Sondern welche Geschichten ausgewählt werden, was weggelassen oder hinzugefügt wird – und welche Narrative angewendet werden. Welche Teams immer wieder bestätigt werden – und welche Figuren man nach dem Applaus lieber zurückbringt.
Weibliche Leistung ohne weibliche Deutungshoheit
«Hallo Betty» ist kein schlechter Film. Aber er ist ein konformistischer Film, dem praxiserprobte und erfolgsversprechende Rezepte zugrunde liegen. Er zeigt weibliche Leistung, ohne Deutungsordnungen zu gefährden. Er erzählt Emanzipation, aber sorgt dafür, dass sie am Ende wieder nach Hause gebracht wird. Vielleicht ist das der Moment, in dem man nach dem Applaus aufhören sollte zu umarmen. Und anfangen sollte zu fragen.
Müssen wir wirklich ein von Männern geführtes Ensemble als „Swissness pur“ ausstellen? Als wäre das Kultur. Als wäre das neutral. Das Bundesamt für Kultur erhebt Gender-Daten. Jahr für Jahr. Mapping. Zahlen. Wissen. Aber Wissen ist noch keine Massnahme. Förderung braucht Werkzeuge, die greifen: Narrative benennen. Teamkonstellationen sichtbar machen. Ausschlüsse markieren. Und notfalls Konsequenzen ziehen. Nicht moralisch. Strukturell.
Gleichstellung steht in der Verfassung. Im Gender Equality Act. Nicht in der Filmförderverordnung.
Und wie beim Klima gilt: Ohne Umsetzung bleibt alles Wetter. Dann wachen wir in hundert Jahren wieder auf – im selben Film. Mit derselben Care-Arbeit. Demselben Respektdefizit. Und derselben Umarmung nach dem Abspann.

Filmschaffende weisen seit Jahren auf strukturelle Ungleichheiten hin, das Bundesamt für Kultur erhebt seit 2017 die „Gender MAP“: Frauen schreiben und inszenieren seltener grosse Kinofilme, sind bei Kameraarbeit stark untervertreten und arbeiten häufiger unter schlechteren finanziellen Bedingungen.
Appell: Nein zur Halbierungsinitiative – und Ja zu einem Fördersystem, das nicht nur „Swissness pur“ belohnt, sondern Vielfalt, Risiko und gleichberechtigte Produktionsstrukturen.


