Aus dem Fenster blicken – der Gewalt entfliehen

Eine persönliche Geschichte, die Mut macht, sich aus der Gewaltspirale zu befreien.

Von Sandra Guesalaga 

Die Amateurschauspielerin Sandra Guesalaga erzählt in der Theaterperformance Pantarei ihre Lebensgeschichte – jenen Teil, der am meisten schmerzt: die vielen Jahre, in denen sie häuslicher Gewalt ausgesetzt war. Sie hat diese Unterdrückung überwunden und kann heute, als freie und stärkere Frau, darüber sprechen.

Anlässlich der nationalen Kampagne gegen Gewalt veröffentlichen wir ihren Text Aus meinem Fenster, den sie für unsere Plattform leicht angepasst hat. Mit dieser Veröffentlichung möchten wir weitere Frauen ermutigen, aus der Gewaltspirale zu entfliehen.

Triggerwarnung: häusliche Gewalt

Gestern

Ich schaue aus meinem Fenster.
Es ist ein schöner Tag. Er hat gesagt, ich darf nicht alleine rausgehen.

Ich schaue aus meinem Fenster.
Es ist ein schöner Tag, genau wie vor einem Jahr.
Er hat gesagt, ich darf nicht raus, ich würde sicher meinen Liebhaber treffen…
Aber ich habe keinen Liebhaber! Er zerstört alles, was mich glücklich macht.
Ich habe grosse Angst.

Ich schaue aus meinem Fenster.
Ich glaube, es ist ein schöner Tag, genau wie vor zehn Jahren… Ich halte es nicht mehr aus.
Ich will raus, aber das würde ihn gewalttätig machen.
Ich will sein Schreien nicht hören, nicht das Weinen meiner Kinder, das mir das Herz bricht.
Ich will nicht, dass jemand die violetten Flecken auf meiner Haut sieht.
Wer kann uns retten?!

Ich schaue aus meinem Fenster.
Ich glaube, es ist ein schöner Tag, genau wie vor zwanzig Jahren… Wer kann uns retten?
Ich kann ihn nicht verlassen. Er hat gesagt, er würde mir meine Töchter wegnehmen.
Ich weiss, es geht ihm nicht darum, sie weit wegzubringen – sondern mir den grössten Schmerz zuzufügen, den eine Mutter fühlen kann.

Ich schaue aus meinem Fenster…
Ist es ein schöner Tag? Ich weiss nicht mehr, was schön ist.
Heute kam die Polizei. Werden sie mich retten? Sie haben nur gesagt, wir sollen leiser sein und die Nachbarn nicht stören.
Mein Körper tut furchtbar weh, aber meine Seele noch mehr.
Nur der Tod könnte mich retten. Nur der Tod würde mir wieder Licht bringen.

Ich schaue aus meinem Fenster, genau wie vor achtundzwanzig Jahren.
Heute ist ein schöner Tag.
Er ist nicht mehr da… aber mein Geist hat vergessen, was Freiheit ist.
Jetzt gibt es andere Monster: die posttraumatische Belastungsstörung und die Bürokratie.

Bild: KI und PC

Dazwischen

Ich kam in die Schweiz von weit weg, fast noch ein Kind, verliebt, voller Träume und Hoffnung. Doch bald wurde das Haus, das ich als frei geträumt hatte, zu einem stillen Gefängnis. Achtundzwanzig Jahre mit Gewalt, voll Angst, Schweigen und Einsamkeit. 

Ich sah das Leben der anderen durch das Fenster, und wenn ich die Vögel sah, fragte ich mich: Warum habe ich keine Flügel … um zu fliegen? 

Niemand hatte den Mut, mir zu helfen … mir und meinen Töchtern. 
Oder … sie wollten es nicht sehen. 

Heute weiss ich: Die Zeit heilt nicht alle Wunden, aber sie lehrt uns, mit ihnen zu leben.

Heute 

Heute spüre ich zwei kleine Hände auf meinem Schoss. 
Ich hebe den Blick und sie schenkt mir ein Lächeln, Augen, die mir sagen «Ich liebe dich» ohne Bedingungen, ohne Vergangenheit. Es sind die Augen meiner Enkelin. 

Diese Augen flüstern mir zu: “Nana, du musst leben”. 
Und ich weiss, dass ich es nur mit meiner eigenen Kraft schaffen kann.
Dieses Vertrauen, zart und absolut, war der Spiegel, den ich brauchte. 

Und heute sehe ich es klar, mit einer ruhigen Gewissheit: Die zerbrochenen Stücke meines Lebens habe ich in ein farbiges Mosaik verwandelt. Sie sind zu meiner Heilung geworden.

Und während ich hier atme, in meiner neuen Freiheit, denke ich an die Millionen Frauen, die in diesem Augenblick gefangen sind gefangen in häuslicher Gewalt.

Ihr Schmerz ist mein Schmerz. Meine Befreiung ist auch für sie.

Heute habe ich verstanden, dass dieses Überleben kein einfacher “Zufall” war. 
Es war ein heftiger Kampf, ein Abstieg in die tiefste Dunkelheit. 

Es ist wahr, das Heilen braucht Zeit. Manchmal lässt eine weit entfernte Tür, die zuschlägt, meine Welt noch erzittern. Aber heute wechseln diese Tränen. Heute sind meine Tränen keine Tränen der Niederlage mehr. Sie sind aus tiefer Liebe, aus unendlicher Dankbarkeit für jede Hand, die mich gehalten hat auf diesem langen Weg.

Die Vergangenheit tut weh, ja, aber jeden Tag ein bisschen weniger. Denn das ist meine Wahrheit, mein ruhiger Schrei:  “Ich bin eine Kämpferin. Ich habe nie aufgegeben.”

Bild: KI und PC

Am 11. November 2025 ist die erste nationale Kampagne «Gleichstellung verhindert Gewalt» vom Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG) gestartet. Sie setzt sich für den Schutz vor häuslicher, sexualisierter und geschlechtsbezogener Gewalt ein. Sie zeigt, dass Gewalt oft früh beginnt – mit Kontrolle oder Erniedrigung – und dass echte Gleichstellung Gewalt vorbeugt. Ziel ist, Bewusstsein zu schaffen, Hilfe zugänglich zu machen und respektvolles Zusammenleben zu fördern. Mehr Infos unter ohne-gewalt.ch.

Fühlen Sie sich von Gewalt betroffen?

Zögern Sie nicht, Hilfe zu suchen. Hier finden Sie Informationen und Adressen in einfacher Sprache: https://www.ohne-gewalt.ch/informationen-in-leichter-sprache

Manchmal ist es nicht einfach, allein zu verstehen, wo Gewalt beginnt. Die Kampagne „Ohne Gewalt” hat deshalb dieses Informationsblatt in verschiedenen Sprachen erstellt.

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