50 Jahre Kampf, damit 1 kg Federn so viel wiegt wie 1 kg Blei

Die Eidgenössische Kommission für Frauenfragen (EKF) feiert 2026 ihr 50-jähriges Jubiläum. Zu diesem Anlass fand am 23. April im PROGR eine Gedenkveranstaltung statt, bei der Aktivistinnen und Aktivisten verschiedener Generationen über Geschlechtergleichstellung diskutierten. Ein Ehrenpreis wurde an Ruth Dreifuss verliehen, und in der Podiumsdiskussion wurden die vielen Schritte benannt, die bis zur Erreichung der vollständigen Gleichstellung noch nötig sind.

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Die Veranstaltung im PROGR wurde mit einer Rede von Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider eröffnet. Anschliessend kamen Cesla Amarelle, Präsidentin der EKF, sowie das Leitungsteam des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG) zu Wort, einer Institution, die sozusagen eine Tochter der EKF ist, da sie 1988 auf Initiative der Kommission ins Leben gerufen wurde. Danach zeichnete die Historikerin und Genderforscherin Fabienne Amlinger die Etappen nach, welche die Kommission in den vergangenen 50 Jahren durchlaufen hat.

Die Kommission wurde 1976 als beratendes Organ gegründet – fünf Jahre nach der Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz (1971). In dieser Zeit förderte die EKF die Partizipation, die Gleichstellung und den Schutz vor sexualisierter Gewalt. Zu den zentralen Meilensteinen gehören die Verankerung der Gleichstellung von Frau und Mann in der Bundesverfassung 1981, die Reform des Eherechts 1988, die Revision des Sexualstrafrechts (1992 und erneut 2024), das Opferhilfegesetz (1993), die Mutterschaftsversicherung (2004) sowie die Ratifizierung der Istanbul-Konvention (2018).

Die Rednerinnen und Redner betonten die wichtige Rolle, die die Kommission bis heute spielt. Unsere Zeit ist von einem Backlash in vielen Bereichen geprägt, in denen bereits wichtige Fortschritte erreicht worden waren. Auch neue digitale Technologien wie künstliche Intelligenz und deren Algorithmen bergen zahlreiche Risiken für Frauen. Zu diesem Thema hat die EKF mehrere Studien in seinem Zeitschrift „Frauenfragen“ veröffentlicht.

Ein zentraler Punkt in den Frauenfragen sei heute, so wurde betont, die Diversität. Das Verständnis für die Vielfalt innerhalb der FLINTA+-Personen und für Mehrfachdiskriminierungen ist eine Priorität der politischen Arbeit. Faktoren wie Behinderung, Migration, Hautfarbe oder sexuelle Orientierung spielen dabei eine entscheidende Rolle. Das macht die Arbeit für Gleichstellung komplexer, weil eine einfache, einheitliche Erzählung „für Frauen“ nicht ausreicht. Vielmehr treffen unterschiedliche Perspektiven und Narrative aufeinander. Deshalb sind Partizipation und die Vernetzung der verschiedenen Bewegungen zentral: Sie können die grösste Kraft sein, die eine Gesellschaft braucht, um tatsächlich egalitäre Bedingungen zu schaffen.

Auch in der anschliessenden Podiumsdiskussion war von einem Rückschritt bei Frauenrechten und Freiheiten die Rede – etwas, das sich auch in Sprache und Genderterminologie bemerkbar mache. In den vergangenen Jahren sei der Druck auf Frauen gewachsen, Kinder zu bekommen und traditionelle Rollen zu übernehmen – oft getragen von lauten und aggressiven Stimmen, teilweise auch von Frauen selbst. Kritisiert wurde zudem, dass Frauenfragen heute häufig als Anliegen der politischen Linken etikettiert und entsprechend instrumentalisiert würden.
„Das verstehe ich nicht. Diskriminierung ist weder ein linkes noch ein rechtes Thema, sondern ein Thema der Menschenrechte“, sagte Lili Nabholz, frühere Präsidentin der EKF und ehemalige FDP-Nationalrätin.

„Die EKF schützt das Prinzip, dass 1 kg Federn so viel wiegt wie 1 kg Blei – trotz der Luftströmung“, beschrieb Maya Dougoud auf dem Podium mit einem eindrücklichen Bild die Fragilität der in den letzten 50 Jahren erkämpften Frauenrechte. „Man muss darauf achten, dass soziale und politische Instabilität die Federn nicht wegbläst. Und dass alle weiteren Federn, die für die Gleichstellung noch fehlen, noch gesammelt werden.“

Karine Lempen, Forscherin an der Universität Genf mit Schwerpunkt Arbeitsrecht und Sozialversicherungen, lenkte den Blick auf eine Reihe ungelöster Fragen: vom Einfluss künstlicher Intelligenz und algorithmischer Systeme über die Freiheit, am Arbeitsplatz ein Kopftuch zu tragen, bis hin zum Anspruch auf bezahlten Urlaub für die Pflege von Angehörigen.

Zudem wurde daran erinnert, dass Digitalisierung und die zunehmende Erwartung permanenter Verfügbarkeit kaum mit Care-Arbeit vereinbar sind und gesundheitliche Folgen durch Überlastung haben können. Zu den offenen Problemen gehören auch Online- oder Belästigung am Arbeitsplatz, die Situation von Hausangestellten, digitale Gewalt (Hate Speech), aber auch Lücken bei der Umsetzung des Gleichstellungsgesetzes – etwa bei Anstellungen und Löhnen im privaten Sektor – sowie Ungleichheiten in den Sozialversicherungen, der Gender Gap und der Schutz von Gewaltbetroffenen. Probleme, die durch den aktuellen Backlash zusätzlich verschärft werden.

Auch wenn es schwierig sei, eine einheitliche Politik zu entwickeln, wurde betont, wie wichtig es sei, eine Erzählung zu stärken, die klarmacht, dass es um Gleichstellung und nicht um eine partielle Ideologie geht. Ebenso wichtig sei die Partizipation junger FLINTA+-Personen, die aktiv gesucht und gefördert werden sollten.

Am Ende der Veranstaltung wurde eine Person geehrt, die enorm viel für die Gleichstellungspolitik jenseits ideologischer Grenzen geleistet hat: Ruth Dreifuss.
Ihr wurde der erste EKF-Preis verliehen, „für ihre Pionierarbeit, ihre Authentizität und ihr Engagement – dafür, dass sie eine Inspiration ist“.

Ruth Dreifuss war eine zentrale Figur bei der Einführung des Gleichstellungsgesetzes zwischen Frauen und Männern sowie des Mutterschaftsurlaubs im Jahr 2004. Als erste Frau, die 1999 Bundespräsidentin der Schweiz wurde, engagiert sie sich bis heute für soziale Gerechtigkeit – insbesondere für die Rechte von Sans-Papiers und den universellen Zugang zur Gesundheitsversorgung.

In ihrer Dankesrede erinnerte Ruth Dreifuss an die Menschen hinter und vor ihr: jene, die diese Arbeit und dieses Engagement gemeinsam mit ihr getragen haben, und jene, die es weiterführen werden. Ein starkes Plädoyer für Zusammenarbeit und Solidarität auf dem Weg zu Gleichstellung in all ihrer Vielfalt.

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Über Perla Ciommi

Ich bin Film- und Kulturwissenschaftlerin, Journalistin und Medienmacherin. Seit vielen Jahren arbeite ich an der Schnittstelle von Dokumentarfilm, Journalismus und partizipativen Medienprojekten. Meine filmische Arbeit begann in Bologna und führte mich früh zum Dokumentarfilm. Seither realisiere ich Reportagen und dokumentarische Arbeiten zu gesellschaftlichen Themen – unter anderem zu urbanen Bewegungen in Paris, Community-Medien wie Radio RaBe, kulturellen Szenen in der Schweiz und zur politischen Partizipation von Migrantinnen. Nach verschiedenen Weiterbildungen in Kommunikation und Journalismus habe ich mich auf multimediales Storytelling spezialisiert. Ich bin Mitgründerin der Plattform Lucify.ch, auf der ich regelmässig journalistische Beiträge publiziere und redaktionelle Prozesse mitgestalte.

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