Gilgamesh: Geschichte, gewebt aus Lebensgeschichten

Die Geschichte besteht aus 1001 kleinen Lebensgeschichten von Menschen, die in einer bestimmten Zeit leben. Wer entscheidet aber, welche Geschichte man auswählt und daraus eine Geschichte mit grosse “G” macht? Wer entscheidet, welche Lebensgeschichten es verdienen, gehört zu werden und welche – im Schatten bleiben? Manchmal wird bei einer Tasse Kaffee Geschichte produziert. Die Geschichte, die aus sehr persönlichen Erinnerungen besteht.

Wir leben in der Realität von Mythen: An einige davon glauben wir freiwillig, andere sind nur „Fake News“, und es gibt auch Mythen, die wir uns selbst erschaffen. Wenn der Mythos 3500 Jahre alt ist, ähnelt seine Reise durch Raum und Zeit der Reise des Kometen, der eine lange schimmernde und faszinierende Spur hinterlässt. Die Spur des Kometen spiegelt sich in Millionen verschiedener Texten wieder: von Koran und Bibel bis hin zu Pop-Art-Heldencomics. Die Schöpfer des „Gilgamesch Origin“-Theaterstücks interessieren sich für den Ursprung. Der Ursprung der Kultur.

Der Mythos ist magisch, weil er kann, die Grenzen (physische Staatsgrenzen und geistige Limitierungen) zu überschreiten sowie die sprachlichen Barrieren zu durchbrechen. Während die Kerngeschichte von Gilgamesch erhalten bleibt, kann jede Kultur und jeder Einzelne seine eigene Vision und Interpretation, emotionale Reaktion und symbolische Bedeutung hinzufügen. In jeder Sprache können Hauptthemen und Symbole unterschiedliche Interpretationen haben. Die Hauptidee aber bleibt: die Geschichte von großer Freundschaft, Gewalt, Macht, Liebe, Schmerz und Leid.
Die Entscheidungen, die wir treffen – welchem ​​System moralischer Werte wir folgen sollen und wie wir mit Dingen umgehen, die sich unserer Kontrolle entziehen – diese Fragen sind zeitlos und nicht an eine bestimmte Kultur gebunden. Dabei spielt es keine Rolle, ob Sie Schweizer, Palästinenser oder von woanders sind. Jede Epoche hat ihr eigenes Gilgamesch und ihre eigenen Stimmen, die ignoriert, vergessen, an den Rand gedrängt werden …
Die Symbiose von schweizerischen  Team „thecodes“ (Dennis Schwabenland, Magdalena Nadolska, Daniel Mezger) und palästinensischen Schauspielern des Al-Kasaba  (Ramallah) führte zu wunderbaren kreativen Synergien und zu einem sehr interessanten Projekt.

Die Entstehung von „Gilgamesch Origin“ ist eine Geschichte innerhalb einer Geschichte. Es begann bereits in 2019 in Ramallah vor Covid-19 und vor dem aktuellen Kriegskonflikt, überstand aber alle Wechselfälle, um unter den neuen gegebenen Umständen eine noch größere symbolische Bedeutung zu haben.

Video von Zaher Al Jamous,  Juni 2022

“Das Projekt kombiniert schweizerisch-palästinensische Ideen,  – sagt Firas Abu Sabbah, der Co-Regisseur. -Wir haben alle unsere Ideen präsentiert, und keiner von uns hat den anderen überwältigt oder aufgehoben, weil wir die Geschichte über unsere Probleme und Bedenken durchsprechen, die, wenn sie weit voneinander entfernt scheinen, in Wirklichkeit nahe beieinander liegen. Wie sprechen über Menschlichkeit“.

Video von Zaher Al Jamous, Juni 2022.

Die Teilnehmende durchliefen Feldstudien, digitale Kommunikation während der Quarantäne und andere Phasen des kreativen Prozesses, um an den Punkt zu gelangen, an dem die 3500 Jahre alte Geschichte plötzlich eine neue symbolische Bedeutung erhält.

Wichtig ist, dass die Stimmen der Frauen in der Geschichte deutlich zu hören sind. Die palästinensische Schauspielerin Yasmin Shalaldeh kennt die die Herausforderungen für palästinensische Theaterschaffende aus eigener Erfahrung.

Video von Zaher Al Jamous, Juni 2022.

Es ist auch interessant, die Perspektive der westlichen Schauspielerin, Anna-Katharina Müller, zu erforschen:

Video von Zaher Al Jamous,  Juni 2022.


Die Theaterregisseuren spielen mit der Umkehrung der Geschlechterrollen und experimentieren unterschiedliche Darstellungsmöglichkeiten der zeitlosen Geschichte aus.
Die Schöpfer verfolgten nicht das Ziel, einen bestimmten bewaffneten Konflikt zu analysieren. Im Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit stehen sehr persönliche Einzelgeschichten. Aber genau diese intimen Geschichten sind Stücke im Kaleidoskop unserer Gesellschaft, sie spiegeln die menschliche Natur als solche wider.

In jedem von uns steckt ein bisschen Gilgamesch: die verborgene dunkle Natur, der Hunger nach Freundschaft, die Sehnsucht nach Liebe und die Angst vor dem Tod.


Bemerkenswert ist, dass der Teilnehmer der Theaterproduktion seine eigene Geschichte mit dem kreativen Prozess verbindet.

Video von Zaher Al Jamous, Juni 2022.

Der Musiker Wael Sami Elkholy, der sowohl Ägypter als auch Schweizer ist, eine sehr starke emotionale Reaktion auf das Reisen in Palästina und das Erstellen der Musik für das Stück: „Auf der emotionalen Ebene war das Thema für mich von Anfang an ablenkend. Da ich arabischer Herkunft bin, verstehe ich natürlich den palästinensischen Fall und die arabische Kultur. Soll ich meinen Platz als Schweizer oder als Ägypter finden? Ich musste einen Ort finden, der mich zwischen den beiden Welten zufriedenstellt. Das habe ich gefühlt, als ich nach Ramallah gereist bin.“.

Video von Zaher Al Jamous,  Juni 2022.

Die Erinnerungen sowie das emotionale und persönliche Engagement der palästinensischen Akteure sind ein sehr wichtiger Teil des Projekts.

Video von Zaher Al Jamous, Juni 2022.

Am 9. Juni feiert „Gilgamesh Origin“ Premiere im Grosse Halle, Bern.

An allen Abenden wird ab 18.30 Uhr palästinensisches Essen von der Pittaria serviert. Bitte vorher reservieren über das Ticketing.

9.Juni im Anschluss Premierenparty mit DJ Mich Szedlak
Sa 11. Juni im Anschluss Solokonzert „Sirag“ von Wael Sami Elkholy
Do 16. Juni im Anschluss Publikumsgespräch mit dem Ensemble & Sami Daher (Inhaber Pittaria)
Fr 17. Juni im Anschluss Movie-Night mit Tee, Arak und Talk im Living Room (Moserstrasse 30, 3014 Bern) – Kuratiert vom Al-Kasaba Theatre & Cinematheque Ramallah.

Menschen mit Ausweis N, F, S und Sans-Papiers bekommen einen Gratis-Eintritt. Bitte Tickets auf contact@bernetta.net reservieren.


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