Mein Leben im Schatten

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Jedes Jahr sind viele Menschen aufgrund politischer Probleme oder ungesunder Bedingungen in ihrem Land gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Es ist eine sehr schwierige Entscheidung, die ein Mensch in der schlimmsten Situation seines Lebens treffen muss. Der Entschluss, auszuwandern bzw. zu fliehen, bringt viele Herausforderungen und Probleme mit sich. Flüchtlinge reisen in ein fremdes Land in der Hoffnung, dort ein sicheres Leben zu führen und die unerträglichen Bedingungen im eigenen Land hinter sich zu lassen. In der Praxis sehen sie sich jedoch nebst dem Heimweh nach der verlorenen Heimat mit mannigfaltigen Problemen konfrontiert, die manchmal den Gefahren des Herkunftslandes gleichkommen. Ausgebildete Flüchtlinge in ihrem vierten Lebensjahrzehnt stehen vor vielen Herausforderungen. Sie können ihre Ausbildung nicht fortsetzen und ihre Diplome werden nicht anerkannt. Infolgedessen ist es fast unmöglich, einen geeigneten Job zu finden. Und das frustriert und lässt viele verzweifeln. Darüber hinaus haben vor allem Flüchtlingsfrauen viele andere Probleme. Sie erleben mehr Diskriminierung und bekommen weniger Anerkennung. Sie haben kaum eine Möglichkeit, sich zu äussern und ihre Stimme zu erheben. Lucify hat mit einer geflüchteten Frau über ihr Leben in der Schweiz gesprochen. Sie will ihren richtigen Namen nicht preisgeben, deshalb haben wir sie unter einem Pseudonym interviewt.

Lucify: Könntest du dich vorstellen?

– Ich heisse Mariam, bin eine geflüchtete Frau und wohne seit 10 Jahren in der Schweiz mit meiner Familie.

Lucify: Wie findest du das Leben für eine Migrantin/ geflüchtete Frau in der Schweiz? Fühlst du dich wohl?

– Schwierig, diese Frage eindeutig zu beantworten. Man muss feststellen, dass ich als eine geflüchtete Person in der Schweiz Zuflucht gefunden habe und meine Familie in Sicherheit ist. Ich habe viele nette und interessante Leute getroffen, die mir sehr viel geholfen haben und denen ich sehr dankbar bin. Zum Beispiel eine Schweizerin, welche denselben Jahrgang hat wie mein mittlerweile verstorbener Vater. Ich habe sie vor vielen Jahren kennengelernt, sie hat so viel für mich und meine Familie getan, was ich sehr schätze. Als Migrantin muss ich verschiedene Herausforderungen bestehen, ohne Hilfe wäre es unmöglich. Gleichzeitig habe ich gemischte Gefühle, weil viele Migranten, insbesondere wenn sie sich äusserlich von der Mehrheitsgesellschaft unterscheiden, mit Rassismus konfrontiert werden.

Lucify: Welche Erfahrungen hast du auf dem Arbeitsmarkt in der Schweiz gemacht?

– Ich habe bis jetzt keinen Job gefunden, obwohl ich und mein Ehemann als hochqualifizierte Migranten eingestuft sind. Wenn ich meine Bewerbung einreiche, bin ich mir nicht sicher, ob sie überhaupt geprüft oder einfach weggeworfen wird. Ich glaube nicht, dass ich einen besonders attraktiven Ausweis habe. Sehr oft werden nur der Schweizer Pass und der C-Ausweis im Dropdown-Menü erwähnt, und später erhalte ich eine Absage mit der Begründung, dass nur ein bestimmtes Kontingent angestellt wird. Man kann nur davon ausgehen, dass dies an ID, Hautfarbe, Alter oder am Frau-Sein liegt. Das gleiche gilt auch für die Wohnungssuche.

Lucify: Hast du in der Schweiz Diskriminierung oder Rassismus erlebt? Wenn ja, kannst du darüber erzählen?

– Ich und meine Kinder werden oft benachteiligt und diskriminiert – insbesondere im Zuge der Corona-Pandemie, da wir als „Asiaten“ wahrgenommen werden, obwohl wir keine richtigen „Asiaten“ sind. Oft wurden ich und meine Töchter verbal angegriffen: ich sei eine „Corona-Frau“, meine Töchter seien „chinesisch“ und „ansteckend“. Oft hört man auch „Chin Chan Chong“ und männliche weisse Jugendliche zeigen „Augenschlitze“.  Einmal wurde ich von einem netten Mann gefragt, ob wir Katzen essen, weil „Chinesen essen doch Katzen“. Mein Mann blieb zum Glück von dem sogenannten „Corona-Rassismus“ verschont. Das ist ein Paradoxon – wenn du eine Frau oder ein Kind bist, bekommst du eher Diskriminierung zu spüren. Vielleicht ist dies in einer patriarchalischen Gesellschaft nicht überraschend. Es ist seltsam, dass unsere Herkunftsländer, sozusagen der „globale Süden“, in der Schweiz als patriarchalisch wahrgenommen werden – meiner Meinung nach ist meine Heimat nicht so patriarchalisch. Es ist bei uns üblich, dass Frauen Naturwissenschaften, Mathematik oder IT studieren.

Lucify: Was ist dein grösster Wunsch als eine geflüchtete Frau in der Schweiz?

– Geflüchtete Frauen, wie auch andere Menschen, möchten einfach in Sicherheit leben, arbeiten oder studieren. Leider, weiss ich nicht, ob es in einer meritokratischen Gesellschaft möglich ist. Ich hätte mir von den Behörden mehr Verständnis und breitere Unterstützung gewünscht.

Lucify: Welche Bedürfnisse siehst du für die Migrantinnen in der Schweiz?

– Zusammenfassend: mehr Respekt und Akzeptanz.

Lucify: Wie können die Migrantinnen deiner Ansicht nach besser in der Schweiz leben? Was muss verändert werden, dass sie sich wohl fühlen?

– Migrant*innen brauchen mehr „Integrationsprogramme“ (ich halte das Wort „Integration“ für nicht korrekt), die auf vielfältige Weise organisiert werden sollten. Es wäre besser gewesen, wenn separate Deutschkurse für Frauen mit Kinderbetreuung organisiert werden. Ich habe negative persönliche Erfahrungen mit gemischten Deutschkursen gemacht – oft sind die Lehrpersonen nicht sensibel und konzentrieren sich auf die jungen Männer, von denen man unnötige und unangemessene Kommentare über Frau-Sein, Kinder, Familie oder Ausbildung hört. Da ich selbst aktives Mitglied verschiedener demokratischer Basisorganisationen bin, sehe ich, dass viele Migrantengruppen weniger Unterstützung von Hilfsorganisationen erhalten und in den Medien unterrepräsentiert sind. Es sei darauf hingewiesen, dass nicht alle geflüchtete Gruppen oder Migranten in der Schweiz so gross sind, dass sie eine Diaspora haben oder eine selbstorganisierte Gruppe gründen können, oder in ihrer Diaspora herzlich willkommen sind. Dies gilt insbesondere für Menschen, die aufgrund ihrer politischen Aktivitäten gezwungen wurden, ihre Heimat zu verlassen. Wenn es in der Schweiz eine Diaspora gibt, heisst das nicht, dass ein Mitglied der politischen Opposition dorthin gehen kann. Kulturelle Organisationen werden oft von Botschaften unterstützt und kontrolliert – wie in meiner Diaspora. Meine Freund*innen und Kolleg*innen sind entweder Schweizer oder Migranten aus anderen Ländern.

Lucify: Möchtest du zum Schluss noch etwas sagen, was ich nicht gefragt habe?

– Ich hätte mir eine engere Zusammenarbeit der migrantischen Organisationen (wie MSN usw.) mit Behörden, Organisationen, in denen die Mehrheit schweizerisch ist und anderen Akteuren gewünscht. Oft spricht die etablierte Mehrheit über uns, statt mit uns. Es werden verschiedene Initiativen gestartet, die einen kleinen Teil der Migrant*innen betreffen. Andere Migrant*innen gehen vergessen. Ich glaube, wir können alle davon profitieren, wenn wir uns von eurozentrischen Ansichten distanzieren. Wahrscheinlich wird dies von der Mehrheit kaum akzeptiert. Ich spreche von der Entkolonialisierung der Denkweisen. Leider gilt dies für alle, nicht nur für das rechte Milieu.

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Mahtab stammt aus Iran und hat in Teheran persische Literatur studiert. Während ihres beruflichen Werdeganges hat sie als Sendeleiterin und Produzentin bei Radio Teheran und dem iranischen Nationalradio sowie als Reporterin und Autorin bei mehreren Zeitungen gearbeitet. Ausserdem war sie mehrere Jahre an der Kunst Akademie und Kulturerbe-Organisation in der Forschung tätig. 2015 hat sie ihr Land infolge der politischen Situation verlassen und ist mit ihrem Sohn in die Schweiz geflüchtet. Hier engagiert sie sich in verschiedenen Projekten. Zurzeit führt Mahtab einen Stadtrundgang bei StattLand, ist Moderatorin der Sendung vox mundi bei Radio Rabe und seit Juli 2019 Sendeleiterin der Sendung Torfehaye Javidan.

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