Evakuieren, um zu isolieren?

Am Samstag, 10. Oktober 2020 2000 Demonstrierende für Moria Flüchtlinge gingen auf den Bundesplatz in Bern.

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Am Samstag 10 Oktober gingen in Bern 2000 Demonstrierende für die Moria Flüchtlinge auf den Bundesplatz. Sie forderten, dass die Schweiz Flüchtlinge aus dem niedergebrannten Lager Moria aufnehmen müsse.

Ihre Botschaft, welche die Demo-Teilnehmer am Samstagnachmittag auf dem Berner Bundesplatz immer wieder skandierten, war «Say it loud, say it clear – Refugees are welcome here.» Sie wollten, dass die Schweiz Flüchtlinge von der griechischen Insel Lesbos aufnehmen solle – und zwar unverzüglich.

Bei der Demonstration auf dem Bundesplatz waren auch Flüchtlinge anwesend, die vorher das Lager Moria selbst erlebt hatten. Manche von ihnen haben eine Rede gehalten und die schlimme Situation in Moria geschildert. 

Zur Kundgebung auf dem Bundesplatz haben rund 29 Organisationen aufgerufen – darunter die Menschenrechtsorganisation Amnesty International, mehrere Parteien, religiöse Institutionen, die Bewegungen Black Lives Matter Switzerland und die Gruppe Stopisolation. 

Ammar Salim, ein Flüchtlings Aktivist von der Gruppe Stopisolation, hat auch eine Rede gehalten.

Hier der Text seiner Rede: 

„Evakuieren Jetzt! Die Forderung der Demonstration in Bern ist richtig und wichtig. Zu viele von uns (geflüchteten) Migrantinnen und Migranten mussten am eigenen Leibe erfahren, wie entwürdigend und entrechtend das Camp Moria auf Lesbos ist. Dieser Ort bietet keine Sicherheit. Wir übertreiben nicht. Europa schafft aktuell an seinen Aussengrenzen das Recht auf Asyl ab. 

Es macht Hoffnung, da nun Menschen, NGOs, Kirchen und sogar Städte die Kälte des Bundesrats kritisieren und die Aufnahme von Geflüchteten fordern. Wer sich aber über Moria empört, soll zur Isolation in den Asylcamps der Schweiz nicht schweigen. Wer Moria entkommt, landet hier leider in offenen Gefängnissen. 

Die Freiheitsbeschränkungen in den Bundesasylzentren gehen soweit, dass sie sogar von der Nationalen Kommission zur Verhütung von Folter überwacht werden müssen. Sind dies für potentiell traumatisierte Folteropfer gute Bedingungen? Auch wer in einen Kanton transferiert wird, erlebt Isolation. Im Kanton Bern z.B. dürfen Geflüchtete mit einer vorläufigen Aufnahme erst in eine Wohnung ziehen, wenn sie eine 60%-Stelle und zertifizierte Deutschkenntnisse vorweisen können. Schaffen sie es nicht, bleiben sie im Asylcamp stecken. Ist das eine ernsthafte Perspektive um hier Fuss zu fassen? Isolation macht etwas mit uns. Wir sind geflohen, um zu leben, aber hier werden viele von uns müde. Diesen Sommer hat sich ein Freund an einer Demonstration selbst angezündet. Es war ein Hilfeschrei. Andere gehen im Stillen. Selbsttötungen gehören zum traurigen Alltag in Asylcamps. Warum interessiert dies nicht? 

Am untersten Ende dieses Asylsystems regt sich nun aber organisierter Widerstand. Immer mehr von uns wollen das Leben mit den acht Franken pro Tag, die Isolation und die Angst abgeschoben zu werden, nicht mehr hinnehmen. Mit unseren Forderungen haben wir uns an das Staatssekretariat für Migration gewandt. Dieses hat uns zu den kantonalen Behörden geschickt. Diese haben uns ans Parlament verwiesen. Dort heisst es, das Volk entscheidet über unsere Lebensperspektiven. Aber wir können nicht mehr warten. 

Wir leben jetzt. Statt diskriminierende Nothilfe brauchen wir Gleichstellung. Warum werden wir anders behandelt als Europäerinnen und Europäer? Sie erhalten Aufenthaltsbewilligungen, sobald sie einen Job finden. Warum werden wir wegen „illegalen Aufenthalt“ wiederholt gebüsst oder in Haft genommen während Schweizerinnen und Schweizer für ein Delikt nur einmal bestraft werden dürfen? Warum haben Härtefallgesuche für ein Bleiberecht in der Praxis erst nach zehn Jahren eine Chance, obwohl gesetzlich fünf Jahre Aufenthalt verlangt wären? 

Unsere Bewegung #StopIsolation ist nicht „undemokratisch und unsolidarisch“, wie uns das der Berner Regierungsrat Philippe Müller vorwirft. Wenn Unrecht zu Recht wird, müssen wir uns organisieren und protestieren. Es gibt immer Handlungsspielräume. Wir wollen alles unternehmen, dass sie für uns, statt gegen uns genutzt werden“.

Mehr Infos könnt ihr hier lesen: evakuieren-jetzt.ch/demo/

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Mahtab stammt aus Iran und hat in Teheran persische Literatur studiert. Während ihres beruflichen Werdeganges hat sie als Sendeleiterin und Produzentin bei Radio Teheran und dem iranischen Nationalradio sowie als Reporterin und Autorin bei mehreren Zeitungen gearbeitet. Ausserdem war sie mehrere Jahre an der Kunst Akademie und Kulturerbe-Organisation in der Forschung tätig. 2015 hat sie ihr Land infolge der politischen Situation verlassen und ist mit ihrem Sohn in die Schweiz geflüchtet. Hier engagiert sie sich in verschiedenen Projekten. Zurzeit führt Mahtab einen Stadtrundgang bei StattLand, ist Moderatorin der Sendung vox mundi bei Radio Rabe und seit Juli 2019 Sendeleiterin der Sendung Torfehaye Javidan.

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