NCBI: Brücken bauen und die eigene Stimme erheben

Häufig sprechen wir im Namen einer geflüchteten Person über oder für sie, ohne diesem Menschen als Individuum die Gelegenheit zu geben, für sich selbst zu sprechen. Das Projekt “Unsere Stimmen” des National Coalition Building Institute NCBI will das ändern. Am 7. September 2020 findet ein Informationsabend zu diesem partizipativen Projekt in "Multimondo" in Biel/Bienne statt.

NCBI: Brücken bauen und die eigene Stimme erheben
Collage: Bilder von NCBI Schweiz

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Wenn in der Öffentlichkeit über Menschen mit Migrationserfahrung gesprochen wird, kommt es häufig vor, dass eine grosse Wolke gutgemeinter Worte gleichermassen über alle geflüchteten Menschen ausgeschüttet wird, ungeachtet ihres Status und ihrer tatsächlichen Bedürfnisse. Dieser Regen trifft jeden, sogar wenn jemand sich eigentlich gar nicht danach sehnt. Bedürfnisse und Wünsche sind verschieden.

Um sie wirklich zu erkennen, sollte jede*r versuchen, Generalisierungen zu durchbrechen und die unterschiedlichen Bedürfnisse zu erkennen. Das ist der Weg, um kulturelle Differenzen zu überbrücken. Die Stimme einer vertriebenen Person selbst zu geben, statt in ihrem Namen zu sprechen, ist eine der Lösungen, die von NCBI im Projekt „Unsere Stimmen“ angeboten wird. Lucify.ch hat mit Andi Geu (Ko-Geschäftsleiter von NCBI Schweiz) und Zaher Al-Jamous (Projektkoordinatorrin des Projekts “Unsere Stimmen” in Biel/Bienne) gesprochen: 

Interview mit Andi Geu, Ko-Geschäftsleiter von NCBI Schweiz

Herr Geu, bitte erzählen sie uns, was NCBI ist.

NCBI steht für „National Coalition Building Institute“ (Eng.). Das ist ein Verein, der seit mehr als 25 Jahren in der Schweiz aktiv ist. Der Name ist Englisch, weil die Organisation ursprünglich vor rund 35 Jahren in den USA gegründet wurde. Wir sind ein Verein, der sich gegen Vorurteile, Diskriminierung und Gewalt engagiert und sich für die Integration einsetzt. Wir tun das einerseits über Weiterbildungen und Kurse, die wir anbieten und andererseits durch verschiedene Projekte, in denen wir mit Jugendlichen, Kindern und Erwachsenen zusammenarbeiten.

Auf der NCBI Webseite gibt es die „Brückenbauer*Innen“ Metapher. Warum haben Sie dieses sprachliche Symbol gewählt?

Der Name „National Coalition Building Institute“ ist etwas kompliziert. In der direkten deutschen Übersetzung ist nur schwer vorstellbar, was damit gemeint ist. Wir haben deshalb von Anfang an das Bild von Brücken und Brückenbauer*Innen gewählt, um zu erklären, was wir machen. Das hat natürlich damit zu tun, dass Vorurteile und Diskriminierung sowie Gewalt und Konflikte in unserer Arbeit thematisiert werden. Wo es Vorurteile, Diskriminierung und Konflikte gibt, besteht gleichzeitig auch ein Graben zwischen mir und der anderen Person oder zwischen meiner Gruppe und einer anderen Gruppe. Wir von NCBI wollen dabei helfen, diesen Graben zu überbrücken und dadurch zur Lösung von Konflikten und Vorurteilen beizutragen. 

Haben Sie die Mediatoren-Rolle?

Ja, zu einem gewissen Grad sind wir Mediatoren*Innen und Vermittler*Innen zwischen verschiedenen Seiten. Es geht uns darum Empathie, Verständnis und Wohlwollen zu stärken.

Gleichzeitig ist uns wichtig, dass in unseren Projekten Menschen ihre Stimme erheben, wenn sie von Gewalt oder Diskriminierung betroffen sind oder sich nach ihrer Ankunft in der Schweiz in unserem komplizierten System zurechtfinden müssen.

Können Sie uns mehr über das Projekt „Unsere Stimmen“ erzählen?

Unsere Stimmen“ ist ein Projekt, das wir 2019 in Zürich gestartet haben. Wir versuchen inzwischen auch andere Regionen einzubeziehen – z.B. ab Herbst 2020 die Region Biel/Bienne. Es ist ein Projekt, in dem wir mit geflüchteten Menschen und anderen Migranten*Innen, die keine Stimme in der Öffentlichkeit haben, zusammenarbeiten.

Das Ziel ist, dass diese Menschen sich selbstbestimmt einbringen und ihre Anliegen eigenständig formulieren können. Im Moment ist es so, dass meistens über diese Leute gesprochen wird, aber nicht mit ihnen. Sie sprechen viel zu selten für sich selbst. Obwohl sie in vielen Fällen natürlich selbst am besten wissen, was sie brauchen und was ihr Leben besser machen würde. Sie sind die Experten und Expertinnen für Integration und für das, was sie benötigen, um eine bessere Perspektive für die Zukunft zu haben. 

Welche «Tools» können die Leute mit Migrationshintergrund nutzen, um gehört zu werden?

Das Projekt ist partizipativ aufgebaut und wird von geflüchteten Menschen und Migranten*innen geleitet. Sie entscheiden, was sie umsetzen wollen. In unserer Organisation gibt es Menschen mit und ohne Migrationserfahrung, aber wir versuchen besonders jene mit Migrantionshintergrund darin zu unterstützen, ihre Stimme einzubringen.

Bild: NCBI Schweiz

Konkret funktioniert das so, dass eine Gruppe von Menschen zusammenkommt und mehrere Themen auswählt, die für sie wichtig sind. Im ersten Projekt in Zürich waren das vier Themenbereiche: Arbeitsintegration, Sozialhilfe, der Umgang mit abgewiesenen Asylsuchenden sowie Schule und Bildung. Das alles sind wichtige Themen für die Menschen, die hier zusammen kommen, um einerseits ihr Erleben zu verarbeiten und gleichzeitig ihre Zukunft aktiv zu gestalten.

Für jüngere Menschen gibt es das Projekt „Junge Stimmen„.

Genau. Die Idee dahinter ist die gleiche. Die jungen Leute kommen zusammen, um die Themen auszuwählen, die für sie wichtig sind. Wenn sie merken: „Hier haben wir Probleme und Herausforderungen“ oder „Hier kommen wir nicht mehr weiter“ oder „Das macht unser Leben schwierig“, dann können sie sich mit diesen Bereichen auseinandersetzen. Das Ziel in den beiden Projekten „Unsere Stimmen“ und „Junge Stimmen“ ist, dass die Teilnehmer*innen Empfehlungen ausarbeiten. Sie ergreifen Position für das, was sich verändern müsste, damit zum Beispiel im Kontext der Bildung und Arbeitsintegration neue gesellschaftliche Möglichkeiten aufgezeigt werden.

Wer kann Teil des Projekts sein?

Dieses Jahr (2020) beginnen neue Projekte in Biel und der Region Seeland sowie in den Kantonen Aargau und Zug. In Biel, wo ich zusammen mit Zaher Al-Jamous im Projekt arbeite, sind wir gerade in der Startphase. Am 7. September 2020 findet eine Informationsveranstaltung bei „Multimondo“ in Biel statt. Dort werden wir über das Projekt informieren. 

Wir werden nach den Herbstferien gemeinsam mit den Teilnehmer*Innen des Projekts auswählen, welche Themen für sie wichtig sind. Vielleicht sind es genau die gleichen Inhalte wie in Zürich, vielleicht auch ganz andere. Nach der Entscheidung werden wir zu den ausgewählten Themen Weiterbildungen durchführen.

Im Anschluss daran werden Empfehlungen ausgearbeitet, die wir an die Öffentlichkeit bringen. Wir werden darüber hinaus Veranstaltungen organisieren, an die wir interessierte Menschen aus Biel und der Region einladen werden. Dazu gehören auch Politiker*Innen, Vertreter*Innen der Kirchen, Mitarbeitende aus Bildungsinstitutionen, Menschen von Arbeitsintegrationsprojekten und aus lokalen Vereinen. Die Geflüchteten und Migrant*innen stellen das Projekt vor und präsentieren ihre Empfehlungen.

Das Ziel ist, selbst vor dem Publikum zu sprechen und sagen zu können: «Das ist, was wir denken, was in diesem Bereich besser gemacht werden muss». Wir haben das schon an verschiedenen Tagungen und Veranstaltungen erlebt. Oft sind die Leute, die zuhören, überrascht. Sie haben häufig keine Ahnung, dass Menschen mit Migrationserfahrung so gut und konstruktiv sagen können, was sie brauchen und wie hilfreich ihre Empfehlungen sind. Oft gibt es ein „Aha!“-Erlebnis für jene Zuhörer*Innen, die selbst nicht viel Kontakt mit Migranten*innen oder zu Menschen mit Fluchterfahrung haben.

Bild: Multimondo

NCBI Schweiz:

Projekt Unsere Stimme in Biel/Bienne: https://www.ncbi.ch/de/unsere-stimmen/biel-bienne/

Multimondo: https://www.multimondo.ch

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Anna speaks French, German, English and Russian. She obtained a Master Degree at the University of Bern (Cultural Studies) and a Bachelor at the Lomonosov Moscow State University (Philology). Anna has big interest in such themes as: identity, cultural hybridity, music, and raising children in multicultural context. She is convinced that our children can teach us a lot. They are not born with stereotypes but they risk to acquire them later under external circumstances. Our task as parents is to help them grow as conscious and culture-aware humans.

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