Fifty Shades Of Abuse

Fifty Shades Of Abuse

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Wenn die breite Allgemeinheit über häusliche Gewalt nachdenkt, denkt sie in der Regel an körperliche Übergriffe, die zu sichtbaren Verletzungen des Opfers führen. Aber dies ist jedoch nur eine Art von Missbrauch.

Die Ignoranz gegenüber anderen Formen der Misshandlung impliziert, dass körperliche Gewalt der bestimmende Faktor einer ungesunden Beziehung ist. Schlimmer noch, sie vermittelt die Botschaft, dass, was auch immer sonst noch vor sich geht, „nicht so schlimm“ ist.

Für eine Frau, die im Nahen Osten geboren und aufgewachsen ist, war emotionaler Missbrauch in der Gesellschaft, kein anerkanntes Konzept. Die meisten Menschen wissen, was körperlicher Missbrauch ist, aber wenn es um emotionale Misshandlung geht, nehmen die Menschen keine Stellung und schweigen. Obwohl die Narben von emotionaler Misshandlung vielleicht nicht offensichtlich sind, kann deren Folge aber mindestens genauso traumatisch sein: Ängste, Depressionen, chronische Schmerzen, PTSD (Posttraumatische Belastungsstörung) und Drogenmissbrauchsprobleme. Aber irgendwie denken immer noch viele, dass emotionaler Schmerz nicht mit dem physischen vergleichbar ist und wenn eine Person über ihre emotionalen Nöte spricht, wird sie eher als überdramatisch oder weinerlich bezeichnet.

Ich habe nicht bemerkt, dass ich sechs Jahre emotional missbraucht wurde, solange bis die Beziehung endete. Später wurde ich dann von einer Fachperson diagnostiziert und alles fing an, Sinn zu machen.

Ich begann, auf die Beziehung zurückzublicken und bemerkte, dass es bestimmte Phasen auf dem Weg dorthin gab, die den Mustern eines Narzissten im Umgang mit seinen Opfer entsprachen.

Alles beginnt mit seiner fortwährend bezaubernden Persönlichkeit. Er überhäufte mich mit glänzenden Geschenken und überraschte mich mit Blumen, wenn ich es am wenigsten erwarte, er ertränkte mich in Komplimenten und wärmte mich mit tiefen, nächtlichen Gesprächen. Es war wie eine Bombe der Gefühle, vielleicht nennt man es deshalb die „Love Bombing Phase“.

Es ist die Phase, in der ein Narzisst seine Opfer verführt. Sie wissen, was, wie und wann zu sagen und haben einen attraktiven Charakter, der die meiste Zeit jedoch die Aufmerksamkeit auf sich selbst zieht. Aber es ist alles nur einen Mechanismus, den sie als Rolle spielen, um ihre Opfer anzuziehen und um sicherzustellen, dass die Opfer bereits süchtig sind, damit sie manipuliert werden können. Darauf folgt die zweite Phase, in der es sich zunächst wie Hänseleien anfühlte, aber diese wurden immer fieser und konstant.

Plötzlich war alles, was ich tat, von dem, was ich trug, bis zu dem, was ich ass und mit wem ich meine Freizeit verbrachte, ein grosses Problem für ihn. Er fing an, mich klein zu machen, mich zu beschimpfen und mich mit verletzenden Aussagen zu zudecken, Witze zu machen, die nicht lustig waren und mir widerliche, bedeutungsaufgeladene „Kosenamen“ zu geben. Er nahm den Lob für meine Leistungen entgegen und betrachtete sich stets als Grund für meinen Erfolg.

Sein Ziel war es, mein Selbstwertgefühl zu senken, damit er sein eigenes steigern und sich mächtig fühlen konnte. Wenn ich mich wehrte, über seine Respektlosigkeit sprach, schob er mir alle Schuld zu, beschuldigte mich stärker und bezeichnete mich als verrückt, was er wiederum als Grund verwendete, sich nicht voll und ganz auf mich einlassen zu müssen. Auch wenn ich mich nicht wehrte, kein Worte sagte, gab er mir eine unausgesprochene Botschaft, dass ich es nicht verdienen würde, respektiert zu werden.

Aber wieso habe ich ein solcher Mensch nicht einfach verlassen?

Die Sache mit dem emotionalen Missbrauch ist, dass die Opfer nicht erkennen, dass sie Opfer sind. Wie ich diese Phase des Realisierens erreicht habe, habe ich bereits die so genannte „Traumabindung“ erlebt.

Traumabindung ähnelt dem Stockholm Syndrom, bei dem gefangen gehaltene Menschen Gefühle des Vertrauens oder sogar der Zuneigung für die Menschen entwickeln, die sie gegen ihren Willen gefangen genommen und festgehalten haben.

Diese Art von Überlebensstrategie kann auch in einer Beziehung auftreten, wenn eine Person in einer Beziehung mit einem Narzissten ist. Sie entsteht als Folge des ständigen manipulativen Verhaltens des Täter. Sobald das Opfer eines emotionalen Missbrauchs herausfindet, was vor sich geht und anfängt, über einen Ausstieg nachzudenken oder den Täter mit seinen abusiven Handlungen konfrontiert, wird der Täter plötzlich sehr apologetisch und romantisch und versucht, von Neuem mit allen Mitteln zu verführen. Er wird Blumen kaufen, Abendessen kochen, sich um die Kinder kümmern oder was immer er sonst noch tun muss, damit sie ihm mehr als sich selbst glaubt, dass das, was sie erlebt, gesehen und was sie für wahr hält, in Wirklichkeit falsch ist. In der Psychologie wird dies Gaslighting genannt.

Nun, er ist ein perfekter Partner und es gibt absolut keinen Grund, die Beziehung zu beenden. Aber sobald sie ihm  vertraut, dass er sie nicht mehr emotional missbrauchen wird, beginnt er von Neuem mit den gleichen Missbrauchsmustern. Nur fällt es ihr jetzt schwerer zu gehen, weil sie von neuem wieder, an ihn glaubte.

Auf diese Weise gewinnen die Täter das Vertrauen und die Zuversicht ihrer Opfer, was die Opfer dann anfällig für späteren Missbrauch macht.

Gaslighting wird das Opfer dazu bringen, die eigene geistige Gesundheit zu hinterfragen, es ist der Prozess der Bewertung des gesamten Glaubenssystems des Opfers.  Und der Grund warum es es funktioniert, ist, weil der Täter seine Fähigkeit des „Manipulieren“ kontinuierlich geschärft hat. Seine Manipulation führt dazu, dass wir glauben, dass etwas nicht passiert sei, selbst wenn wir Beweise dafür haben oder dass etwas gesagt wurde, was jedoch nicht so war oder umgekehrt. Diese schlussendlich eigenen Gedanken werden sich langsam aber stetig ins Unterbewusstsein verankern. Das Opfer wird einzig und allein anfangen, dem Täter zu glauben und die Schuld für alles auf sich zu nehmen und sich ständig entschuldigen, selbst wenn es nichts falsch gemacht hat.

 

Aber wie kann man einen Narzist ändern?

Die Antwort ist einfach: Du tust es nicht.

Genauer gesagt: Du kannst es nicht.

 

Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung sind nicht einfühlsam und haben weder die Fähigkeit noch das Interesse zu verstehen, was eine andere Person fühlt oder erlebt. Narzissten fehlt die Fähigkeit, dafür zu sorgen, dass man sich gesehen, bestätigt, verstanden oder akzeptiert fühlt, weil sie das Konzept der Gefühle nicht begreifen.

Übersetzung: Die Partner*in empfindet keine Emotionen von anderen Menschen nach. Kümmert sich weder, ob Sie einen schlechten Tag auf der Arbeit hatten, sich mit Ihrem besten Freund oder mit Ihren Eltern stritten? Es besteht kein Interesse für diese Dinge, die Sie wütend und traurig machen.

 

Es wird gewöhnlich als „Jekyll und Hyde Verhalten“ bezeichnet. Die Hyde-Seite von den Tätern wird durch Runterdrücken, Beleidigungen, Gaslighting, mangelnde emotionale oder physische Intimität, den Entzug von Zuneigung, das Verschwinden oder die Schuld für ihr eigenes Verhalten, auch bekannt als Projektion, zum Vorschein kommen.

Als Zielscheibe können Sie sich selbst die Schuld für ihr Verhalten geben, weil unsere Missbraucher so darin geübt sind, den Fokus auf Sie zu lenken. Es ist jedoch wichtig, sich daran zu erinnern, dass die freundliche, fürsorgliche, romantische Maske von Dr. Jekyll, in die Sie sich verliebt haben, wahrscheinlich gar nicht existiert hat.

Aber selbst wenn man erkennt, dass in der Beziehung etwas Ungesundes vor sich geht, reicht die Erkenntnis allein nicht, um sie zu verlassen.

Als ich meinen Ex verlassen habe, fühlte sich der Prozess immer wie eine Art Suchterholung an. Selbst wenn er nicht da war, um mich zu beschuldigen, waren die langen Jahre der Manipulation bereits in mein Unterbewusstsein eingedrungen und seine Zustimmung war die Droge.

Zumindest in den ersten Monaten war ich völlig davon überzeugt, dass ich der Grund für alles war, was passierte und dass er die gute Seite der Beziehung war und ich sie mit meinem destruktiven Verhalten ruinierte.

Der Genesungsprozess war nicht leicht und bis heute habe ich, obwohl ich über die Person hinweg bin, manchmal das Gefühl, dass ich noch nicht über die persönliche Erfahrung selbst hinweg bin.

Aber ich bin fest davon überzeugt, dass wir keine Maschinen sind, es ist nicht gesund, so schnell über eine so terrorisierende Erfahrung hinweg zu sein, es dauert lange, bis man vollständig genesen ist.

Das Wichtigste ist, die Ruinen, die hinterlassen wurden, wieder aufzubauen und dass innere Kind, das wir auf dem Weg verloren haben, wieder aufleben zu lassen.

Eine emotional missbrauchende Beziehung zu verlassen, ist eines der schwersten Dinge, denen ein Mensch in seinem Leben begegnen kann, aber das Gefühl des inneren Friedens, das wir danach bekommen, ist wirklich unbezahlbar.

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Noor ist Anwältin für Menschenrechte und Feministin und wurde in Baghdad/Irak geboren. Sie musste den Irak aufgrund von familiären und politischen Bedrohnungen verlassen. Seit 2018 lebt sie in der Schweiz und hat seither in verschiedenen Integrationsprojekten gearbeitet, u.a. für für das Projekt 'voCHabular'.​

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