Mein Glaube

In meinem Heimatland Iran finden zur Zeit grosse Demonstrationen statt, die sich gegen eine ineffiziente und repressive Regierung richten. Inzwischen wurden über tausend Menschen getötet und viele wurden verhaftet. Was wollten diese Personen? Was verlangten sie in ihrem Schrei? Nur „Freiheit“!!! In diesen Tagen denke ich an Rūmīs Gedichte, in denen er feststellt, wie die Liebe Krieg und Gräueltaten auflösen kann. Hier präsentiere ich Ihnen Auszüge zweier Gedichte, die ich für Sie übersetzt habe. Dazwischen flechte ich einige persönliche Gedanken zur Liebe in der heutigen Zeit ein.

Mein Glaube

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بی عشق نشاط و طرب افزون نشود
بی عشق وجود خوب و موزون نشود
صد قطره ز ابر اگر به دریا بارد
بی جنبش عشق در مکنون نشود
„مولوی“

Ohne Liebe gibt es kein Glück und keine Fröhlichkeit. Ohne Liebe hat die Existenz keine Perfektion und keinen Rhythmus. Wenn hundert Regentropfen aus den Wolken ins Meer fallen, wird ohne die Macht der Bewegung und der Liebe aus keinem davon eine Perle.

Ich glaube, dass es genau so ist. Eigentlich ist meine Religion die Liebe. Liebe ist das Licht. Liebe ist Kraft und Macht. Wer kann sagen, dass er/sie Liebe nie erfahren hat? Bist du eine Mutter? Ein Vater? Dann bist du sicher verliebt. Was für eine Art Liebe spürst du?

Der erste Liebende ist wirklich Gott. Gott liebt alles und alle Menschen. Gott schaut nicht, wer arm und wer reich ist oder wer schön und wer hässlich ist. Gott liebt einfach alle, ohne Unterschied. Ich glaube, in unserer Welt fehlt es an Liebe. Wir leiden unter einem Mangel an Liebe. Unsere Welt leidet unter einem grossen Mangel an Liebe. Wir lieben uns selber nicht, wir lieben andere Menschen nicht. Wir lieben Tiere, Bäume, Blumen, die Erde und so weiter nicht. Warum brauchen wir all diese Aktivitäten wie Frauenstreik, Klimastreik, Tierschutz, Aktionswochen gegen Gewalt an Frauen und Kindern oder gegen Rassismus?

Warum gibt es immernoch Krieg? Ich glaube, weil wir zu wenig lieben. Wenn die Liebe in unseren Herzen und Seelen überwiegt, brauchen die Frauen nicht mehr für ihre Rechte zu kämpfen. Frauen, Männer und Kinder müssen dann nicht länger unter Gewalt und Ungleichheit leiden. Dann wird es keine verrückten Regierungen mehr geben, die ihre Länder zerstören.

Niemand kann die Liebe an der Uni studieren, man muss sie mit dem Herzen lernen. Wir müssen die Liebe über Dinge wie Religion, Nationalität und Geschlecht stellen und über Bord werfen, was uns von der Liebe trennt. Liebe ist das Heilmittel für die Schmerzen der heutigen Welt. Rūmī drückte es vor siebenhundert Jahren so aus:

در این خاک در این خاک در این مزرعه پاک
به جز عشق به جز عشق دگر هیچ نکاریم
“مولوی“

In dieser Erde beziehungsweise in unserer Erde, die ein reiner und sauberer Bauernhof ist, sollten wir nur Liebe pflanzen und nichts mehr.

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Mahtab stammt aus Iran und hat in Teheran persische Literatur studiert. Während ihres beruflichen Werdeganges hat sie als Sendeleiterin und Produzentin bei Radio Teheran und dem iranischen Nationalradio sowie als Reporterin und Autorin bei mehreren Zeitungen gearbeitet. Ausserdem war sie mehrere Jahre an der Kunst Akademie und Kulturerbe-Organisation in der Forschung tätig. 2015 hat sie ihr Land infolge der politischen Situation verlassen und ist mit ihrem Sohn in die Schweiz geflüchtet. Hier engagiert sie sich in verschiedenen Projekten. Zurzeit führt Mahtab einen Stadtrundgang bei StattLand, ist Moderatorin der Sendung vox mundi bei Radio Rabe und seit Juli 2019 Sendeleiterin der Sendung Torfehaye Javidan.

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