Wandern als Weg zum Selbstbewusstsein

„Nicht jeder, der wandert, verlorn” lautet die Zeile aus dem Gedicht in Tolkiens „Der Herr der Ringe". Was als zielloses Wandern erscheinen mag, kann in der Tat der Prozess der Charakterstärkung sein. Aber wie hängt das alles mit der Schweizer Kultur des Wanderns zusammen?

Wandern als Weg zum Selbstbewusstsein

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Kürzlich wurde ich von meiner Universitätsfreundin Kathrin eingeladen, an der Aktivität „Wandern für alle“ teilzunehmen. Kathrin gestand mir, dass sie eines Tages genug von ihrem „Büroleben“ hatte und sich auf etwas einlassen wollte, das auch Menschen helfen könnte, Kontakte zu knüpfen und neue Freundschaften zu schliessen. Das hat meine Neugierde geweckt!

Ich fragte mich: Was motiviert die Menschen zum Wandern? Also habe ich mich der Aktivität „Wandern“ angeschlossen und versucht, es herauszufinden. Die Organisation „Wandern für alle“ steht allen offen. Ihr Hauptziel ist es, Menschen mit nicht privilegiertem Hintergrund, die sonst keine Möglichkeit haben, sich daran zu erfreuen, den Zugang zur Wanderkultur zu erleichtern. Es ist die perfekte Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen, etwas für die Gesundheit zu tun, die nahe Umgebung zu entdecken und sein Deutsch zu verbessern.

Die Wanderung, an der ich teilgenommen habe, fand im Ostermundigenwald statt. Wir hatten die Möglichkeit, den berühmten Steinbruch zu besichtigen –den Ort, an dem der Stein für den Bau des Berner Münsters und der Berner Altstadt entnommen wurde. Trotz der Juli-Hitze nahmen vierzig Menschen an dieser Aktivität teil, darunter Einheimische, Migranten und Menschen aus einem Flüchtlingslager. Die Atmosphäre war unglaublich: So viele Menschen, jeder und jede mit ihrer eigenen Geschichte…

… Ich traf eine ältere Schweizerin, die mir erzählte, dass sie durch ihren Spanischklub von der Aktivität erfahren habe. Wir sprachen mit ihr über Reisen, Musik und den Sinn des Lebens. Und obwohl der Altersunterschied zwischen uns über vierzig Jahre beträgt, fühlte es sich an, als würde ich mit einer guten Freundin plaudern.

… Ich traf eine Frau aus Mazedonien, deren Eifer und Motivation Deutsch zu lernen mich völlig beeindruckten.

… Ich traf einen Mann aus Afganistan, der alle Busnummern und -routen in der nahegelegenen Region auswendig kannte. Und er wollte noch mehr lernen. Man kann ihn wie die Wanderenzyklopädie konsultieren!

… Ich traf einen jungen Berner, der mir erzählte, wie er nach Indonesien reiste, ohne die Sprache beherrscht zu haben, aber mit der Absicht zu helfen.

… Ich traf eine Frau, die nicht gut genug Deutsch konnte, aber sie zeigte mir ihre schönen Henna-Tattoos und wir verstanden uns ohne Worte.

…Ich traf einen anderen Mann, der allen frische Äpfel anbot. Ich bemerkte seine gütigen Hände bevor ich mich an seinen Namen erinnern konnte.

…Ich traf eine junge Schweizerin , die mir erzählte, wie sie zur WM nach Russland gereist ist und den Mut gefasst hat, in ganz ferne Regionen zu reisen, ohne die Sprache zu beherrschen. Dabei hat sie nur auf ihre Intuition und die Freundlichkeit der Einheimischen vertraut.

… Und ich traf auch ein Kind mit teilweiser Schwerhörigkeit. Wir wurden Freunde, nachdem ich ihm gezeigt hatte, welche Beeren im Wald er pflücken kann.

Ich habe so viele Leute getroffen! Die echten Wanderer! Und jeder war wie ein offenes Buch.

Was mich als ehemalige Philologie-Studentin fasziniert, ist, dass das deutsche Wort für „einwandern“ auch ein „Wander“ -element hat. Ich denke, wenn wir zu der berühmten Zeile von „Lord of the Rings“ zurückkehren, ist Wandern ein perfekter Weg, um sein Selbstbewusstsein zu stärken.

Wenn du Schritt für Schritt gehst, bewegst du dich körperlich, aber auch dein Geist bewegt sich vorwärts. Du streifst nicht einfach herum, sondern erkundigst und entdeckst. Du öffnest deine Augen, dein Herz und deinen Verstand für das Neue. So stärkst du deine innere Fähigkeit zur Veränderung. Und wenn dir die Veränderung gelingt, dann kannst du deine Hand nach anderen ausstrecken, deine Seele für das Neue öffnen, all das Gute aufnehmen, dem du auf dem Weg begegnest. Und dann fühlst du dich angenommen.

 Die nächste Wanderung findet am 8. August 2019 (14–18 Uhr) statt. Weitere Informationen finden Sie hier: https://wandern-fuer-alle.ch

 

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Anna speaks French, German, English and Russian. She obtained a Master Degree at the University of Bern (Cultural Studies) and a Bachelor at the Lomonosov Moscow State University (Philology). Anna has big interest in such themes as: identity, cultural hybridity, music, and raising children in multicultural context. She is convinced that our children can teach us a lot. They are not born with stereotypes but they risk to acquire them later under external circumstances. Our task as parents is to help them grow as conscious and culture-aware humans.

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