Fit für Theater

Das englische Wort "Fitness" bedeutet nicht nur körperliche Bewegung, die positive gesundheitliche Vorteile bringt“. Die zweite Bedeutung ist „die Fähigkeit, für etwas geeignet zu sein“, „die Gabe, eine Aufgabe oder Rolle zu erfüllen“. Im Theaterstück “Fitness- the Art of Being the Best” kommen die beide Bedeutungen zum Ausdruck. Magdalena Nadolska, Regisseurin und Dramaturgin des satirisch-philosophischen Stückes, musste ebenfalls "Fitness" beweisen. Und diese Art von "Fitness" hatte nichts mit Sport zu tun..

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Jede Gesellschaft hat Normen und Regeln. Sie sorgen für Ordnung und verhindern ein Chaos. Einige „Normen“ und der Grad, den wir für akzeptabel halten, können sich jedoch im Laufe der Zeit ändern. Wie kann das passieren? Zum Beispiel mit einem Trickster: Jemand, der sich lustig machen kann, der in Absurdität fällt. Jemand, der es wagt, die Grenzen zu überschreiten.

Mythologische Trickster kombinieren oft nicht zu verknüpfende Rollen in einer Identität. Sie werden normalerweise mit einem Betrüger in Verbindung gebracht. Aber im Bühnenstück „Fitness – the Art of Being the Best“, betrügt die Hauptfigur schlussendlich fast niemanden außer sich selbst. Er (oder sie?) überschreitet die Grenzen gesellschaftlicher Trends, Stereotypen, Geschlechtsrollen und vieles mehr. Magdalena Nadolska, die Regisseurin des Stücks  gewährte uns Einblicke in ihre Arbeit  und in ihre persönliche Geschichte.

Hallo Magdalena, kannst du uns bitte sagen, worum es in deinem neuesten Theaterstück „Fitness – the Art of Being the Best“ geht?

In dem Stück geht es  um die unterschiedlichen Facetten der Fitness. Das Wort „Fitness“ existiert ja nicht nur bezogen auf die körperliche „Fitness“ (das Fitness-Training), sondern auch im Begriff von „Survival of the fittest“, also: der beste, der stärkste sein, um überleben zu können. Diese „Fitness“ zeigt sich in ganz vielen gesellschaftlichen Phänomenen, in der Selbstoptimierung, um immer die oder der beste sein zu können. Das kann beruflich sein, im Sinne von ständigem Konkurrenz-Druck, oder in der Werbung, die uns vorzeigt, wie wir sein sollten, wie wir zu Leben hätten oder wie schön wir sein müssen. Daneben gibt es auch die  ganzen „InfluencerInnen“-Geschichten, wo irgendwelche junge Frauen oder jungen Männer sich  mit bester Ernährung zum Supermenschen trimmen. Dann spielen auch Phänomene wie Cyborgs mit rein, also Menschen, die sich einen Chip einpflanzen, oder Apps, die über das Leben bestimmen. Die App sagt dann: jetzt musst du so viel und so viel laufen und jetzt muss du das und das essen und so viele und so viele Kalorien verbrennen…  Wir betrachten also Fitness aus ganz verschiedenen Blickwinkeln.

Warum heißt das Stück genau so? Warum auf English?

Ich glaube, das hängt  mit  „Survival of the fittest“ zusammen, was sehr Englisch geprägt ist. Darwins Theorie ist vor allem unter diesem englischen Titel bekannt. Ausserdem: „The Art of Being the Best“ – dass geht so gut über die Lippen. Es hat diese Influencer-Sprache, dieses: „Yeah, be the best!“ Es hat so etwas von diesen ganzen Ratgebern, von Büchern oder  Podcasts, Youtube Channels, die  mit diesem Thema zu tun haben.

Im Konzept des Theaterstücks wird erwähnt, dass der Hauptdarsteller eine „Tricksterfigur“ ist. Was bedeutet das genau?

Eine Trickster-Figur ist eine Figur, die vorgibt etwas zu sein, aber es in Wirklichkeit vielleicht eben nicht ist. Frank, der Fitness-Typ  in unserem Stück behauptet zwar, er sein ein toller Influencer und  Fitness-Gott, aber in Wirklichkeit hasst er das Fitnessstudio. Der Trickster steckt jedoch auch auf der performativen Ebene. Der Schauspieler etabliert zunächst drei unterschiedliche Figuren zwischen denen er switcht. Am Schluss ist es aber nicht ganz klar, ob das wirklich drei Personen sind oder nur eine… Es gibt die Rahmenhandlung des Autors, der Jürg Gautschi heisst und  diese Texte geschrieben hatte, sich aber selbst nicht auf die Bühne traut. Er muss zunächst eine neue Figur erfinden, die dann auf die Bühne geht. Diese Figur heisst Yör Kaučí, ist aber immer noch der gleiche Mensch. Also auch da dieses „Trickster-Element“: der Mann behauptet etwas zu sein, was er vielleicht nicht ist. Oder eben ist? Das weiss man nicht…

Wie sind denn die anderen zwei Figuren?

Da gibt es den „Speedy“, der im Alltags-Stress, im  Konkurrenzkampf, in einer Liebesgeschichte und in  Einsamkeit gefangen ist. Die dritte Figur ist dann Mary Linn, eine Frau, die sich nicht zwischen zwei Männern entscheiden kann. Jürg Gautschi verkörpert also auch eine Frau auf der Bühne – oder vielleicht seine weibliche Seite.

Geht es um die „Transgression of Gender Limits“ (Überschreitung der Geschlechtergrenzen)?

Ja, das schwingt auf jeden Fall mit, denn, was bedeutet es, wenn ein Mann verschiedene Facetten von seinem Ich ausprobiert, verschiedene Rollen? Gibt es nur diesen Macho Frank und den schüchternen Nervösling Speedy? Oder gibt es da eben auch weibliche Züge? Ich fand es wichtig, dass in dieser ganzen Selbstoptimierungsgeschichte auch eine weiliche Sicht vorkommt. Und plötzlich war da diese Mary Lin… Es war äusserst spannend zu sehen, wie sich diese Figur entwickelt! Wenn ich Jürg auf der Probe sagte: „Du spielst jetzt eine Frau“,  funktionierte das überhaupt nicht – es war seltsam und kippte ins Tuntige. Wir haben die weibliche Seite in ihmdurch ganz andere Dinge hervorgerufen. Zum Beispiel Sonnenaufgang: „Du stehst am Fenster, du siehst die Sonne aufgehen und atmest den Sommerduft ein“. Der Schauspieler r benutzt auch eine Creme mit Rosenduft auf der Bühne, um in dieses Gefühl reinzufinden. Er riecht daran und seine Bewegungen werden ganz weich, sanft, eben eher weiblicher. Das war für mich extrem spannend zu beobachten, was die Weiblichhkeit im Mann bedeutet.

Es gibt da auch eine Szene, in der er als Mary Lin in den Spiegel schaut und sagt: „Ich wäre gerne ein Mann. Ich könnte ein Mann sein, ein Mann werden.“. Diese Szene ist eigentlich so banal  und gleichzeitig so vielschichtig. Denn der Spiegel ist in Wirklichkeit der Laptop-Bildschirm und durch die Kamera wird dieses Spiegelbild gross an die Wand projiziert. Du siehst also diesen Mann, der dir sagt: „Ich wäre gerne ein Mann“. Und da spielt so viel mit, denn was bedeutet das? Ist es eine weibliche Figur, die sagt: „Ich wäre gerne ein Mann“? Ist es der Mann, der sich nicht „Mann“-genug fühlt und deswegen sagt „Ich wäre gerne ein Mann“? Geht es um die Erwartungen, die er nicht nicht erfüllen kann? Oder ist es alles nur gespielt? Es ist eine sehr einfache Szene und trotzdem unglaublich stark  in dem Moment. So spielen wir mit diesen „Gender“- Erwartungen oder -Rollen.

 
 
 
 

 

Du kommst aus Polen. Wie hast du deine Karriere in der Schweiz als Regisseurin begonnen?

In der KantonsschuleChur gab es eine Theatergruppe, die „DKG“ (die Dramatische KantonsschülerInnen Gruppe). Da war ich zuerst als Schauspielerin dabei, merkte aber ziemlich schnell, dass ich lieber   hinter der Bühne bin, um die Fäden in der Hand zu halten und den Leuten zu sagen, wie sie was machen sollen (lacht). Ich gehörte nicht unbedingt auf die Bühne , sondern in die Regie. In meinem Abschlussjahr an der Kantonsschule machte ich dann eine Inszenierung.

Danach arbeitete ich bei diversen Projekten als Regie-Assistentin  und bekam in der „Klibühni“ (https://www.klibuehni.ch  ) in Chur die Chance selbst zu inszenieren – also dort, wo wir jetzt gerade „Fitness – the Art of Being the Best“ uraufgeführt haben.  Das war der Anfang.

Ich machte eine Bühnenfassung des Romans „Sechsunddreißig Stunden“ von Ödön von Horváth. Da gingen plötzlich alle Türen auf: Ich konnte auf Tournee gehen und es ergaben sich  diverse andere Projekte aus dem heraus.

Du bist in Polen geboren und bist mit elf Jahren in die Schweiz gekommen. Wie würdest du als Dramaturgin deine eigene Migrations-Geschichte erzählen?

Ich glaube, ich würdedieses Element von „Ein Mädchen aus einer grauen, kalten Stadt  kommt ins Heidiland“ hervorheben (lacht).

Wir sind 1991 in die Schweiz gekommen. Davor lebten wir in Gdynia – das ist eigentlich eine wunderschöne Stadt am Meer, aber mein Radius als Kind war sehr klein.  Ich habe die Stadt in Erinnerung als einen Innenhof mit grauem Sand und einem total verlotterten  Spielplatz. Alles war kaputt. Wir Kinder durften alleine nicht aus dem Innenhof raus, weil es zu gefährlich war  und weil es eine grosse Stadt war. Wir waren immer in diesem Innenhof, mitten in diesen grauen Altbauten. Dann kam ich nach Lenzerheide, in diese Berge, dieses kleine Dorf… Immer blauer Himmel, Sonne und alles schön: Neue Spielplätze, Leute aus der ganzen Welt, alle sprechen Englisch und Deutsch, und Französisch, und Italienisch… Es war ein ganz anderes Lebensgefühl. Das ist wahrscheinlich in der Erinnerungen total verfremdet. Wenn ich jetzt nach Polen gehe und  am Meer stehe, weine ich jedes mal, weil ich denke: „Ah, jetzt bin ich zuhause.“

Aber damals war es in der Schweiz wie: „Wow, es ist alles so neu und schön! Wow, hier gibt es alles!“ Ich kann mich noch an Zeiten in Polen erinnern, in denen meine Mutter mich um drei Uhr nachts weckte, um zum Metzger zu fahren. Dort standen wir mit Marken an, um gutes Fleisch zu bekommen. In der Schweiz war es nicht so: die Geschäfte waren voll.

Na ja, und die Geschichte, wie ich Schweizerin wurde, das ganze mit dem Schweizer Pass, das wäre irgendwie eine total absurde Komödie! Ich musste das ganze Einbürgerungsprozedere  zweimal durchmachen, da mitten im Verfahren die Gesetze geändert wurden und ich alles nochmals eingeben musste: alle Formulare  neu etc. Schliesslich musste ich vor die Bürgergemeinde in Lenzerheide. Da hatte ich ein Vorsprechen  und es war total absurd. Ich habe keinen Akzent, wenn ich Bündnerdeutsch spreche, ich bin Bündnerin, bin  eigentlich dort aufgewachsen. Ich war  in diversen Vereinen engagiert, hatte einen grossen Freundeskreis und sie mussten darüber entscheiden, ob ich Schweizerin werde! Ich war schon langst eine Schweizerin im Herzen! Das war ziemlich absurd.

Ich musste auch zum Dorfpolizisten, der mich befragt hat zu meiner „Integration“. Dann habe ich erzählt: „Ich spiele Es-Horn in der Jugendmusik, gehe ins Karate-Training, spiele Tennis, früher besuchte ich das Mädchenturnen und und und…“. Ich habe alles erzählt und er tippte alles mit zwei Fingern ab. Das hat eine Ewigkeit gedauert! Ich dachte: „Komm, ich schreibe es einfach schnell-schnell mit dem Zehnfingersystem für dich auf und wir können gehen“. Natürlich traute ich mich nicht, es zu sagen. Am Schluss sagte der Polizist: „Ja, ja. Kein Problem! Bei Dir mache ich mir keine Sorgen. Das kommt schon gut mit der Einbürgerung“. Das war alles völlig absurd!

 
 
 

 

Wo und wann genau können wir dein neuestes Stück „Fitness – the Art of Being the Best“ in Bern bewundern?

Am Samstag, 26. Januar um 20 Uhr und am Sonntag, 27. Januar um 17 Uhr im Kunst- und Kulturhaus visavis (https://www.kultur-visavis.ch/).

Interview Anna Butan / Audio und Fotos Perla Ciommi / Bilder des Theaterstück klibuehni.ch

 

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