Der Wind des Wandels in einem ... Möbelgeschäft! Tramontana und sein A-Temporel

Es ist das Ende des Jahres und alle scheinen zu erwarten, dass der Wind des Wandels in 2019 positive Veränderungen bringen wird. In diesem Sinn habe ich das vom Surrealismus inspirierte Trio "Tramontana" interviewt, das uns in 2019 mit einer Reihe von Konzerten in Möbelgeschäften viele Überraschungen verspricht.

Tramontana und sein A-temporel

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Guten Morgen, Tramontana. Ich würde gerne mehr über Sie erfahren. Könnten sie sich bitte vorstellen.

Alejandra Martin: Hi, ich bin Alejandra. Ich bin Bratschistin und komme aus Spanien.

Mathilde Bernard: Hallo, ich bin Mathilde. Ich komme aus Frankreich und spiele Harfe. Ich bin auch Perfomance Artistin und mache seit kurzem auch Musiktheater.

Aurora Pajón: Mein Name ist Aurora, ich bin Flötistin und komme aus Spanien.

Wie haben sie sich kennengelernt?

Aurora: Jeder von uns hat an der HKB (Hochschule der Künste Bern) verschiedene Dinge studiert. Dort haben wir uns getroffen. Zuerst haben Alejandra und ich zusammen mit einem Gitarristen gespielt. Dann haben wir Mathilde kennengelernt und „Tramontana“ gegründet.

Warum haben Sie sich entschieden, Ihrem Ensemble diesen Namen zu geben?

Alejandra: Tramontana ist ein Nordwind. Wir sind durch den Künstler Salvador Dali auf diesen Namen gekommen, den wir sehr inspirierend finden. Er sagte, dass dieser Wind die Leute verrückt macht, aber auch die Landschaft beeinflusst. Die Natur inspirierte auch den Künstler. Es ist also eine Art von Wind, der den Künstler durch die Natur inspiriert. Wir dachten es wäre eine gute Idee sich auf diesen Wind zu beziehen, der die Menschen wahrscheinlich nicht verrückt, sondern aktiv macht. Wir wollen nicht nur zum Vergnügen spielen, sondern die Menschen auch aktivieren und Sie nachdenklich machen.

Aurora: Es ist interessant, dass der Surrealismus unsere erste Inspiration war, als wir Tramontana gründeten. Wir haben über mögliche Namen nachgedacht als meine Mutter mit dieser Idee kam… Wir haben auch deshalb daran gedacht, weil es einfach ein gut klingender Name ist. Er hat Verbindung zu uns allen: Wir kommen alle aus Ländern im Mittelmeerraum, in denen dieser Wind auftritt.

Meinten sie es als Wind-Provocateur oder als Wind, der einfach Veränderung auslöst?

Mathilde: Das Wort „provokativ“ klingt nicht gut genug. Es hängt aber vom Konzert und vom Kontext ab. Vor allem möchten wir, wie Alejandra sagte, die Leute zum Nachdenken bringen. Wenn sie vom Konzert nach Hause kommen, ändern sie vielleicht ihre Meinung über Kammermusikkonzerte.

Aurora: Die schöne Seite des Windes ist, dass er nicht stark ist. Er ist konstant und glatt, aber am Ende des Tages denkt man darüber nach. Er ist also nicht provokativ, aber er bringt Veränderung.

Sie haben erwähnt, dass Sie von der Tradition des Surrealismus inspiriert wurden. Gibt es etwas besonders Surreales in dem, was Sie jetzt in Tramontana machen?

Alejandra: Durch den Surrealismus öffnen wir andere Türen. In diesem Prozess haben wir „A-temporel“ erstellt. Dieses Projekt wurde vor fast einem Jahr geboren. Jetzt planen wir wieder im Januar zu spielen, aber es wird ein bisschen anders sein, da wir schon eine Weile zusammen gespielt haben. Der Surrealismus manifestiert sich zum Beispiel in einer Art und Weise, wie wir mit der Zeit umgehen. Die Zeit kann sich dehnen und zusammenziehen. Sie sitzen seit einer Stunde hier, aber manchmal haben Sie das Gefühl, dass die Zeit viel schneller verläuft. Sie kann auch anhalten. Wir arrangieren unsere Stücke ähnlich wie eine „Collage“, obwohl es vielleicht nicht das präziseste Wort ist, um unsere Musik zu definieren. Es geht darum, wie wir die Dinge zusammenstellen.

Wir haben uns mehr auf die dramaturgische Sichtweise des Konzerts konzentriert. Es wird kein typisches Konzert sein, bei dem ein Stück nach dem anderen folgt. Wir haben uns Zeit genommen, um über den Zeitbegriff selbst und seine Rolle im Konzert nachzudenken.

Es gibt auch Elemente, die sich mit der Frau verknüpfen: Komponistinnen und weibliche Themen. Wir fanden viele surrealistische Frauen, die wirklich erstaunliche Künstlerinnen waren, aber sie standen immer im Schatten einiger Männer. Dies hat uns viel zum Nachdenken gebracht.

Aurora: Wir dachten: Was kann in der Musik surrealistisch sein? Wir haben erkannt, dass es die Komponente der Zeit war. Wir fanden auch viele Frauen, die in den 20er Jahren in surrealistischen Bewegungen engagiert waren, danach aber irgendwie komischerweise verschwanden.

Sie sind nicht mehr in der Geschichte oder in den Büchern. Dies ist für uns zu einer surrealistischen Idee geworden: Wie ist es möglich, dass sie verschwunden sind? Die Frau wurde für uns zu einem wichtigen Thema. Nicht nur Surrealismus als Bewegung der 20er Jahre, sondern auch die Frau: Wo ist Sie? Wir sind selbst Frauen und müssen etwas dagegen unternehmen. Wir haben uns angesprochen gefühlt und das war der Anfang.

Könnten Sie einige konkrete Beispiele für Frauen nennen, die im Schatten der Männer verschwunden sind?

Aurora: Ja! Wir haben alle spanischen Hintergrund. Obwohl Mathilde aus Frankreich stammt, hat sie auch in Spanien studiert. Wir haben ein paar Bücher gelesen und das hat uns sehr beeindruckt, zum Beispiel „Las Sinsombrero“ (Die Frauen ohne Hut). Erwähnt wird der Maler Maruja Mallo, ein Bekannter von Dali, der später verschwunden ist. In der Schweiz gibt es Meret Oppenheim, die deutlich bekannter ist.

Alejandra: Gala Dali war auch selbst Künstlerin. Wir wissen nicht so viel über sie. Sie war nicht nur eine Frau, sondern auch eine Kunstbeeinflusserin. Es gibt auch Schriftstellerinnen.

Mathilde: In allen Disziplinen ist es dasselbe. Es gibt nicht nur Männer, sondern auch Frauen. Wir vergessen sie. Warum? Weil die Männer vorne stehen und die Frauen beiseite gelegt werden. Wir reden oft über die Frau-Muse, aber es gibt nicht nur Musen. Es gibt Frauen, die auch komponierten, aber sie werden vergessen.

Spielen sie Kreationen von weiblichen Komponistinnen für das „A-temporel“ ?

Aurora: Ja, zum Beispiel haben wir uns für Sofia Gubaidulina entschieden. Wir spielen auch ein Stück einer anderen in Basel lebenden Komponistin: Charlotte Torres. Sie hat ein feministisches Stück für uns komponiert. Unsere Idee ist es, immer mehr unsere eigenen Kreationen oder die Musik von anderen weiblichen Komponistinnen zu spielen. Das ist die Richtung, in der wir etwas mehr erkunden möchten.

A-temporel ist ein Projekt, das verspricht, sich in einer völlig anderen Umgebung zu ereignen, anders als bei einem klassischen Konzert. Könnten Sie bitte mehr darüber erzählen?

Mathilde: Im Januar werden wir vier Showkonzerte mit dem Namen „A-temporel“ in vier verschiedenen Städten geben. Wir haben uns für diese Städte entschieden, weil die meisten von ihnen mit dem Röstigraben verwandt sind. Sie sind zweisprachig und wir mögen die Idee, verschiedene Sprachen zu haben.

Es gibt ein Konzert in Freiburg, eines in Biel, eines in Bern und eines in Murten. Wir wollten an verschiedenen Orten spielen, nicht nur in einem Auditorium oder in einer Kirche. Dies sind normale Einstellungen für ein klassisches Konzert.

Diesmal spielen wir in einem Möbelgeschäft (aber nicht in Ikea!). Wir werden an einigen intimen Orten spielen, wo wir eine Stimmung für unser Zuhause, unser Haus, unseren Platz schaffen können, indem wir die Möbel für unsere Szenografie verwenden.

Meinen sie damit, dass sie nicht nur Instrumente spielen werden? Wird es eine Aktion geben?

Mathilde: Tatsächlich enthält diese Show einige Elemente des Theaters. Wir schauspielern nicht wirklich, aber es gibt ein bisschen Dramaturgie. Wir werden Text- und Bewegungselemente verwenden. Alles zusammengesetzt.

Warum haben sie den Namen „A-temporel“ für Ihr Projekt gewählt?

Aurora: Als wir genau darüber nachdachten wie die Musik surrealistisch sein kann, haben wir die Komponistinnen gebeten für uns zu komponieren. Unser Projekt basiert auf dem Surrealismus und seiner Atemporalität. Es gibt ein Wortspiel.

Alejandra: Es gibt einen bestimmten Begriff in der Partitur. Dort, wo „A-tempo“ steht, bezeichnet es die Zeit, zu der alle zusammen spielen (nach absichtlicher Änderung und Abweichung des Tempos). Die Frage ist: Sind wir immer zusammen?

Es gibt ein Stück von Ramon Bischoff, einem Schweizer Komponisten. Er hat ein Stück für uns komponiert, bei dem wir manchmal nicht einmal im gleichen Tonsystem und nicht immer im selben Tempo sind. Wir nehmen uns etwas Freiheit, dann treffen wir uns an einem bestimmten Punkt zusammen, bewegen uns danach aber wieder in verschiedene Richtungen, um wieder zusammen zu gehen. Bei einem Tempo geht es auch darum, zusammen zu sein oder nicht. Bei A-temporel geht es darum, neue Richtungen der Kammermusik zu entdecken.

Kann ein profaner Zuhörer, nicht ein professioneller Musiker, die Neuerungen spüren, die Sie in Ihrem Projekt implementieren?

Aurora: Wir haben an verschiedenen Orten gespielt, zum Beispiel im alten Gefängnis in Lugo, Spanien. Wir haben sehr gutes Feedback bekommen, weil es den sozialen Aspekt berührt hat. Wir geben eine Statement ab, wie Mathilde gesagt hat.

Charlottes Stück hat zum Beispiel Audios dabei: Simone de Beauvoir oder Charles de Gaulle. Es geht um Dinge, die Menschen verstehen und berühren. Unsere Show ist nicht so ausgeklügelt und nicht nur für Musiker gedacht. A-temporel versucht alle zu bewegen. Wir hoffen, dass jeder etwas Interessantes für sich darin finden wird.

Wann und wo findet das erste A-temporel-Konzert statt?

Mathilde: Das erste Konzert wird am 19. Januar in Freiburg sein.

Alejandra: Die Termine finden Sie auf unserer Website www.tramontanamusik.ch. Wenn Sie es nicht schaffen, wird es am 28. Februar ein weiteres Konzert in Lyss geben. Wir werden „La Donna Ideale“ machen – es geht um Frauen. Sie sind herzlich eingeladen, mit uns in Verbindung zu bleiben!

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Anna speaks French, German, English and Russian. She obtained a Master Degree at the University of Bern (Cultural Studies) and a Bachelor at the Lomonosov Moscow State University (Philology). Anna has big interest in such themes as: identity, cultural hybridity, music, and raising children in multicultural context. She is convinced that our children can teach us a lot. They are not born with stereotypes but they risk to acquire them later under external circumstances. Our task as parents is to help them grow as conscious and culture-aware humans.

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