Eine scharfe Verwechslung

Loro, 2018, dir. Paolo Sorrentino

Eine scharfe Verwechslung

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Anstatt einen potenziell glanzvollen Film zu produzieren, misslingt es Sorrentino mit einem lüsternen Filmspiel zu verzaubern, das beabsichtigt uns die Geschichte eines zerschrammten männlichen Egos zu erzählen. Eine Geschichte darüber, wie ein kindischer, narzisstischer Politiker gleichzeitig die Rolle des Retters und Volksentertainers zu spielen versucht.

Eine ältere, reiche und weibliche Geschäftsleiterin lädt 30 junge, halbnackte Männer für ein reizvolles Dinner in einem Garten ein. Die gut aussehenden Männer sind allesamt Angestellte einer Reiseagentur, die von einer Frau geleitet wird die Marionettenfigur dieser ganzen Geduldsprobe ist. Es spielt keine Rolle, ob das Ganze auf einer wahren Geschichte beruht oder lediglich eine rein fiktive Arbeit ist. Bedeutet diese Szene, das Frauen gleichermassen emanzipiert sind wie Männer? Immernoch wäre ein solches Szenario höchst ungewöhnlich – und zwar sowohl im Film wie auch im realen Leben. Da eine solche Szene eine grosse Quelle der Lust wäre haben viele Frauen (einschliesslich mir) begierig darauf gewartet.

Das Szenario im neuen Sorrentino Film schafft dies jedoch nicht – sorry liebe Frauen und Männer! Genau das Gegenteil ist der Fall. Die gewöhnliche Besessenheit des Regisseurs mit spärlicher Kleidung der Frauen und arroganten, einsamen und kräftig gebauten Männern bringt dieses Mal keinen Film hervor, der eine Fortsetzung seiner langen Linie erfolgreicher Filme sein könnte.

Die visuell betäubende Bilderflut mit makellosen Kompositionen, Farben und Leuchtkraft bleibt wie gewohnt, der Film verfehlt es jedoch eine reale Reaktion hervorzurufen. Vielleicht bezieht sich der Tadel vor allem darauf, dass der Regisseur das gegenwärtig Groteske auswechselt und mehr das Spöttische durch ungewöhnliche Effekte und ein schwaches Gesamtkonzept hervorhebt. Die Musik des Films jedoch ist auch diesmal wieder mit grosser Sorgfalt ausgewählt.

Die MDMA gewürzten Party-Szenen im Pool, bestückt mit den einfachen Lyrics von „Must be the reason why I’m King of my castle“ zeichnen das Bild von beiden Figuren – dem Zuhälter Riccardo (Sergio Morra) und dem italienischen Premierminister völlig klar. Diese paar Minuten könnten auch unbeachtet ein erneutes Hochladen des Videos eines legendären Liedes sein. Die Verführungsszene auf dem Karussell, begleitet durch Domenica bestiale („A Fucking awesome sunday“) von Fabio Concato ist nur ein Beispiel, wo der Filmdirektor eigenwillig das Lustige, Traurige und Bizarre miteinander vermengt. Lele Marchitelli hat als eine von Sorrentinos langjährigen Mitarbeiterinnen den Originaltext geschrieben. Die Aufmerksamkeit auf Details sind im Film sichtbar oder präziser gesagt, hörbar.

Dies ist der fünfte Sorrentino Film mit Toni Servillo in einer der Hauptrollen (sein einziger italienisch sprachiger Film ohne Servillo ist „The Family Friend“) und ihr zweites gemeinsames politisches Drama. Sorrentino und Umberto Contarello haben das Drehbuch mit geschrieben, genau wie in vielen vorhergehenden Filmen und TV-Serien. Obgleich es im Film viele saftige Geschichten und amüsante Märchen über Herr Berlusconi zu sehen gibt, finde ich diesen Film die meiste Zeit über äusserst uninteressant.

Silvio wird als teilnahmslos portraitiert, sogar dann als er für sich beansprucht das „Drehbuch des Lebens“ zu kennen. Viele Sorrentino Filme werfen Fragen über die Bedeutung des Lebens und die Apathie auf und viele von ihnen beschreiben das tägliche Leben und die Gewohnheiten der Reichen. In diesem Fall versucht der Regisseur dasselbe zu tun, aber es gibt zu viele überflüssige Charaktere im Leben des Protagonisten, die versuchen Teil seines inneren Kreises zu werden. Dadurch fühlt sich der ganze Film wie ein ausgearbeitetes, jedoch verwirrendes Chaos an.

Desweiteren werden die Frauen im Film behandelt wie der materielle Besitz der Männer. Ihre Schönheit und ihre Körper werden als ein Mittel zum Geld verdienen benutzt – die Frauen sind zum Verkauf gedacht und die Männer sind die Händler. Warum stimmen die Frauen im Film diesen schrecklichen Handlungen zu?

Es wird deutlich hervorgehoben, dass der einzige Schatz den sie haben ihre körperliche Schönheit ist. Die Prostituierte Kira (Kasia Smutniak) wird eifersüchtig auf ein junges Mädchen, weil dieses die Aufmerksamkeit des Premierministers auf sich zieht. Kira wertschätzt sich selbst nur in Verbindung mit Reichtum und erregt nur die

Aufmerksamkeit jener Männer, die sie als ausserordentliche Besonderheit betrachtet – genau wie ihre körperliche Schönheit. Plötzlich jedoch beginnt ihre äussere Schönheit zu schwinden und so hat sie nichts mehr, das sie weiterhin verkaufen könnte. Kira muss eine grosse Lust und Stolz dabei entwickelt haben, als schönes Objekt in einer missbräuchlichen Umwelt behandelt zu werden und dabei ständig von Idioten umgeben zu sein. Möglicherweise dachte sie, frei und fähig zu sein, weil sie einfach und viel Geld mit ihrem schönen Körper verdienen konnte?

Freiheit bedeutet jedoch so viel mehr als eine schöne Haut zu haben und achselzuckend Männer zu  kontrollieren – sie kommt auch und vor allem von Innen. Für Männer und Frauen und alle Geschlechter. Freiheit, wie mehr oder weniger alles in dieser Welt, hat ihre unterschiedlichsten Ebenen, die  gleichermassen entdeckt werden müssen.

Die Art und Weise wie Berlusconi versucht seine Ehefrau Veronica (Elena Sofia Ricci) nach beinahe 20 Jahren erneut zu verführen, zeigt brilliant wie oberflächlich er als Ehemann, Mann und Mensch generell ist und wie er Veronica zu einem weiteren weiblichen Objekt degradiert, das er besitzen will. Als sie ihn wissen lässt, dass ihre Ehe nur dann zu retten ist wenn er sich ändert, wird offensichtlich dass dies unmöglich ist. Er möchte sich nicht im Geringsten ändern, betont jedoch, dass es nicht genug ist all den materiellen Besitz im Leben zu haben. Jedoch erklärt er niemals was es bedeutet „genug zu haben“.

Loro wurde in Italien erstmals in zwei Teilen veröffentlicht. Loro 1 (104 Minuten) und Loro 2 (100 Minuten) . Für die internationale Version wurde er jedoch zusammengeschnitten und als ein Film veröffentlicht. Berlusconis Firma „Medusa Film“, die zuvor die Arbeit Sorrentinos finanziert hatte, lehnte die Beteiligung an diesem Projekt ab.

Zusammenfassend jedenfalls konnten nicht einmal die Bestrebungen des Filmdirektors dem Film Lebendigkeit einzuhauchen, indem er Silvio in den letzten Minuten einen künstlichen Vulkan aktivieren lässt, die 150 Minuten des internationalen Films retten.

Sorrentino hat viele Filme ohne eine auffallende weibliche Protagonistin produziert und nun in diesem letzten Film noch eine Kränkung hinzugefügt, wo Frauen in einer solch vulgären Art und Weise dargestellt werden. Der einzige erinnerungswürdige weibliche Charakter ist Jane (Frances McDormand), aber sie kommt lediglich in ein paar wenigen Szenen vor, nämlich in jenen die als Ausnahme dienen um die Regel zu bestätigen und die Zuschauer hungrig nach einer starken Frauenrolle zurücklassen. Hinzuzufügen ist, dass er in seinen früheren Filmen die Aufmerksamkeit von unterschiedlichstem Publikum erregt hat, was mittlerweile eine seltene Qualität ist. Ich bin sicher, dass viele intellektuelle Frauen (ebenso wie Männer) entmutigt sein werden, wenn sie einen dieser Sorrentino Filme am Tiefpunkt seiner Karriere anschauen.

 

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Miss Amrita comes from Croatia. To her, art is a materialization of a spiritual world and she wants to observe the various ways of how art reaches and evokes spiritual visions. She focuses mainly on the emancipation of both women and men, models of relationships, the perception of the world, human rights, models of modern societies, freedom of speech and expression. She graduated from the Faculty of Graphic Arts and works as a yoga teacher, lecturer and occasional columnist. She has worked in event management of several cultural manifestations, congresses and sports events in Croatia for the last 15 years.

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