Wie bringt man sein “Ich” zum Ausdruck, wenn man nur drei Jahre alt ist? Eindrücke eines Kinderstückes im Theater Matte.

Wie manifestiert eigentlich ein Dreijähriger sein „Ich”? Vor kurzer Zeit, besuchte ich ein Theaterstück das die folgende Lösung suggerierte: Du kannst dein „Ich“ im Vergleich mit anderen finden oder dich ihnen einfach entgegensetzen. Schlussendlich gewährst du dir und anderen aber, dass wir alle einzigartig sind. Wie sollst du dies auf die Reihe bringen, wenn du noch nicht mal imstande bist zu lesen!?

Wie bringt man sein “Ich” zum Ausdruck, wenn man nur drei Jahre alt ist?

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Wir beginnen unsere Identidät zu erfassen, sobald wir das zarte Alter von drei erreichen; manche sogar schon früher. In diesem Alter werden wir uns plötzlich bewusst, dass das Ich-Wesen existiert, dass es autonom ist, eigene Wünsche, Sehnsüchte, Träume, Ängste und Interessen hat. Es es ist als würde ein magischer Stab unser Bewusstsein erwecken, worauf es in unserem Kopf zu klopfen beginnt: «He, Ich bin hier!» Wie kann man mit all diesen neuen Gefühlen zurechtkommen? Wie schafft das eigentlich ein Dreijähriger?

Wenn du klein bist und du noch nicht besondere Strategien in deinem kulturellen Arsenal hast, bleibt dir nur ein Ausweg: dein Ich zu manifestieren, indem du dich deinen direkten nächsten Menschen (Mutter, Vater und Kindergärtnerin) widersetzt. Dieses Verhalten wird von den meisten als schlechtes Verhalten dargestellt und es sind oft äussere Umstände die damit verantwortlich gemacht werden. Unglücklicherweise verpassen es gewisse Eltern diesen Moment zu erfassen. Sie sind über die inneren Kämpfe der Selbstidentifikation, denen ihre geliebten Töchter und Söhne sich unterziehen, nicht im Bild. Viele Eltern erwarten solche zwiespältigen Situationen im Alter der Pubertät. Weitere sind schlicht überfordert: Sie fragen sich, was eigentlich mit ihrem geliebten Spross geschieht.
Verhalte dich ruhig: nichts ist geschehen, mindestens nichts schlimmes. Es ist die Geburtsstunde einer neuen Supernova, eines Sterns der die Seele unserer Kinder von jetzt bis in alle Ewigkeit begleiten wird.

Die gute Nachricht ist, dass wir unsere Kinder unterstützen können, ihre Identitäten zu finden. Wir können sie dazu motivieren, aktiv an ihrem Selbstbewusstsein, ihrer Selbstwahrnehmung und damit an der Wahrnehmung anderer zu arbeiten. Glücklicherweise beschenken uns die Magie, Mythen, das Theater und Bücher mit Themen, die wir unseren Kleinsten erörtern können.

Heute werde ich mich speziell mit dem Theater befassen. Das Theater verlangt von Seiten der Eltern weniger Anstrengung, aber zieht das Kind auf subtile Art und Weise in den Bann des Geschehens. Desto stärker sich der kleine Zuschauer in das Geschehen einbezieht, desto stärker wird die Erinnerung an diesen Moment sein. Wir alle lernen am besten durch Erleben, die Teilhabe an einer Geschichte und die Vertiefung darin. Interaktives Theater erweist sich als Erfolgreich, ernste Themen auf spielerischer Art anzupacken.

Der Hauptdarsteller im Stück «Das kleine Ich bin Ich» aufgeführt im Theater Matte in Bern, begibt sich auf eine Reise nach der Suche seiner eigenen Identität. Auf seiner Reise trifft er auf Kreaturen mit unverwechselbaren «Ich’s» wie einem Frosch, Pferd, Fisch, Nilpferd, Papagei oder einen Hund. Alle teilen sich etwas ähnliches mit dem Hauptdarsteller und doch sind sie verschieden.

Es ist erstaunlich wie die Fremden den Hauptdarsteller faszinieren: Er zeigt keine Furcht, nur Neugier. Sind unsere Sprösslinge nicht genau so? Sie sind bestrebt, andere zu akzeptieren, suchen gemeinsame Nährböden mit völlig Fremden und versuchen, sich zu verbinden. Kinder tun dies so offenherzig, weil sie sich mit den Vorurteilen und Missverständnissen unserer Kultur nicht auskennen. Falls die Eltern oder wichtige Erwachsene sie nicht des weiteren belehren.

Andere anzuerkennen und mit Ihnen eine Verbindung herzustellen, ist eine Sache. Es verlangt noch mehr Anstrengung von deinem Ich. Der Held im Stück «Das kleine Ich bin Ich» ärgert sich, dass er nicht gleich wie die anderen ist. Falls ich nicht zu hundert Prozent identisch mit den anderen bin, wer bin ich dann?

Beim Beobachten des Papageis erkennt die Person plötzlich die Absurdität seines Wunsches, wie jeder andere zu sein. Am Ende des Stückes wird ihm bewusst, dass es gut ist, sich selbst zu sein. Das Stück zeigt ein existenzielles Ende. Wenn du mich siehst, dann bestätigst du mich, also darfst du du selbst sein! Einfach so wie du bist.

Die Schauspieler beenden das Stück indem sie dem jungen Publikum Postkarten verteilen. Sie sind nichts anderes, als leere Papierblätter, auf die jeder ein Bildnis seines Ichs malen kann.
Damit werden die Besucher ermutigt, eine aktive Position einzunehmen und zu versuchen, nicht nur die auf der Bühne gezeigte Geschichte, sondern auch ihre eigene Identität zu überdenken.
Wer bist du? Was unterscheidet dich von anderen? Besitzt du Gemeinsamkeiten mit Fremden? Wie akzeptierst du sie? Kommt deine Identität zum Zug?
Vielleicht ist es wichtig, richtige Fragen zu stellen, anstatt vorgefertigte Antworten bereit zu haben.

«Das kleine Ich bin Ich» schien im ersten Moment ein weiteres amüsantes Theaterstück für Kinder zu sein, wo die Hauptfigur verschiedene Tiere antrifft. In Tatsache versteckt es eine ernste Auseinandersetzung mit der Erörterung des Ichs und dem Erwachen des Selbstbewusstseins, der Akzeptanz der Anderen und der Darstellung des Selbst.

Desto früher wir mit unseren Kindern über solche Themen sprechen, desto höher sind die Chancen, dass wir sie zu bewussten und kulturbewussten Menschen erziehen.

Next two plays “Das kleine Ich bin Ich” can be seen in Theater Matte on the 25th of November at 11.00 and 14.00. Those are the last performances in 2018. In spring 2019, the play is planned to be shown once again.

Mehr Info: https://theatermatte.ch/programm/saison-18-19/fuer-kinder/

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Anna has Russian roots and big interest in themes: identity, hybridity, music, and raising children in multicultural context. She graduated University of Bern (world literature, Cultural Studies) and Lomonosov Moscow State University (Philology). At the moment she works on her personal blog “Traveling Swiss Cat” ( www.facebook.com/travellingswisscat and https://www.instagram.com/travellingswisscat/ ) where she familiarizes parents of multicultural kids with meaningful events and places to be visited with children in Bern and surroundings. Anna is convinced that our children can teach us a lot. They are not born with stereotypes but they risk to acquire them later under external circumstances. Our task as parents is to help them grow as conscious and culture-aware humans.

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